Schnebel, Dieter

Maulwerke für Artiku­­­la­tionsorgane und Reproduktionsgeräte

Die Maulwerker – Filmversion

Verlag/Label: Wergo MV 08045
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 87

Selb­st bei der erschüt­ternd­sten See­len­tiefe bewahrt die men­schliche Stimme Hal­tung. Beson­ders in der Oper, in der trotz der emo­tionalen Achter­bah­n­fahrten schön­ster Bel­can­to geboten wird. Was aber passiert, wenn die Lautäußerung­sor­gane nicht mehr an eine kun­stvoll aus­gelegte Par­ti­tur geket­tet sind, son­dern sie sich qua­si ihren eige­nen Weg bah­nen müssen? Und dies anhand von zahllosen, fein­säu­ber­lich notierten Artiku­la­tion­s­möglichkeit­en ein­er Note oder eines Geräuschs? Das Resul­tat wird archais­che Züge tra­gen. Der Aus­führende flüstert dann und stot­tert, stam­melt und hechelt, gur­rt und atmet, schlürft und pfeift. Von solchen Vokalver­such­sanord­nun­gen gibt es von Kurt Schwit­ters’ Ur-Sonate bis zu den Solo-Réc­i­ta­tions von Georges Aperghis zahllose Beispiele. Doch wohl kein­er hat den Vokalge­sang so radikal ent­fes­selt und dafür doch sogle­ich ein kom­plex­es Sys­tem an Vor­gaben aus­ge­bre­it­et wie Dieter Schnebel.
Im his­torischen Jahr 1968, in dem endgültig der Wille zur Emanzi­pa­tion auf allen gesellschaftlichen Feldern aus­brach, legte Schnebel auch in der Musik den Grund­stein für ein großes Vokalkon­vo­lut abseits einen­gen­der Kon­ven­tio­nen. Sechs Jahre lang unter­suchte er da die stimm­phys­i­ol­o­gis­chen Voraus­set­zun­gen, mit denen jed­er Einzelne spricht oder singt. Und her­aus kamen die Maulw­erke, in denen es um die Erforschung und Umset­zung der ele­mentaren vokalen Aus­drucksskalen, aber auch um ihren kom­mu­nika­tiv­en Charak­ter geht.
Das nach Schnebels Werk benan­nte Ensem­ble «Die Maulw­erk­er», das sich aus ehe­ma­li­gen Schnebel-Stu­den­ten zusam­menset­zt, ist diese exper­i­mentelle Vokal-Reise schon oft ange­treten. 2010, anlässlich des 80. Geburt­stags des Kom­pon­is­ten, hat­ten die sechs Sänger und Sän­gerin­nen nun eine vor­läu­fig let­zte Fas­sung erar­beit­et. Und der lange Entste­hung­sprozess ste­ht jet­zt genau­so im Mit­telpunkt in der von Regis­seurin Susanne Elgeti ver­ant­worteten DVD-Doku­men­ta­tion wie ein ein­führen­des Gespräch mit Schnebel und den «Maulw­erk­ern». Den Maulw­erken 2010, die jet­zt als «Opus» beze­ich­net wer­den, fehlt es zwar gän­zlich an jeglichen Gefühlsre­gun­gen. Und wen­ngle­ich man sich daher in ein asep­tis­ches Laut­la­bor ver­set­zt glaubt, in dem es schein­bar keinen Platz für assozia­tive oder gar erzäh­lerische Momente gibt, sor­gen die Aus­führen­den mit ihren unendlich facetten­re­ichen Zun­gen- und Lip­pen-Tätigkeit­en doch für eine ger­adezu ansprin­gende Intim­ität und aufwüh­lende Unmit­tel­barkeit.
Natür­lich ist das angeschla­gene, nur ober­fläch­lich wild­wuch­sar­tig daherk­om­mende Laut­vok­ab­u­lar in der neuen Musik schon fast trendy gewor­den. Den Ereignis­charak­ter dieser Auf­nahme schmälert dies aber nicht. Eher kön­nte man sich an den Proben­mitschnit­ten stoßen, die unter dem Titel «Exerz­i­tien – Pro­duk­tio­nen – Kom­mu­nika­tio­nen» nahezu vierzig Minuten ein­nehmen. Da brüten und tüfteln die Musik­er – dabei schon mal auf dem Boden sitzend – in ein­er Hal­tung über den Mate­ri­al­bö­gen Schnebels, als wäre man in einem Selb­ster­fahrungskurs anno 1968.

Gui­do Fis­ch­er