à hiroshima

Werke von Mayako Kubo, Helmut Zapf, Gabriel Iranyi, Daisuke Terauchi

Verlag/Label: Kreuzberg Records kr10112
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 86

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Ungewöhn­liche Beset­zun­gen als Aus­druck kün­st­lerisch­er Notwendigkeit gibt es viele in der neuen Musik. Im Falle der vor­liegen­den CD suchte aber dreier­lei Sait­en­spiel aus Geige, Gitarre und Klavier – das japanis­che Trio Ku – nach Kom­pon­is­ten. Ku ist der zen-bud­dhis­tis­che Begriff von Leere, und so natür­lich, wie sich Wass­er in ein­er Mulde sam­melt, so frei und sich­er ent­fal­teten sich die Klang- und Form­fan­tasien der vier auf dieser CD ver­sam­melten Kom­pon­is­ten aus Berlin und Hiroshi­ma. Und bei jedem von ihnen auf eigene Weise.
Die Kom­po­si­tio­nen sind 2010 in Auf­trag gegeben wor­den, aus Anlass des 65. Jahrestages des Atom­bomben­ab­wurfs über Hiroshi­ma. Mayako Kubo weiß, dass dem Grauen von Hiroshi­ma mit men­schlichen Mit­teln nicht beizukom­men ist, aber sie fragt Wohin?, so der Titel, es gehe mit ein­er Welt, in der Der­ar­tiges möglich ist. Sie fragt es mit Anfän­gen, muti­gen wie töricht­en, ganz gemäß dem Leben, und mit Abbrüchen und melan­cholis­chen Ein­brüchen, mit ein­er großen Vielfalt von Mit­teln – die das Trio mit Leichtigkeit darzustellen weiß.
Hel­mut Zapf tastet sich in Hou-ou – der japanis­che Phoenix – von den möglichen Duo-Kom­bi­na­tio­nen des Ensem­bles zum vollen Trio vor und set­zt so das Bild des in neuer Gestalt sein­er Asche entsteigen­den Märchen­vo­gels als imag­inäre Film­musik um. Zapf gelingt es, mit auf allen Instru­menten ange­wandten fortschrit­tlichen Spiel­tech­niken ein kon­tinuier­lich­es Klangspek­trum von gestrich­enen, geschla­ge­nen und gezupften Sait­en zu schaf­fen und leis­tet so seinen Beitrag, ein­er neuen Gat­tung Erfahrungstiefe zu ver­schaf­fen. Gabriel Iranyi kommt mit seinen Blick­en auf Hiroshi­ma dem Unfass­baren in der Sprache düster­er Expres­sion am näch­sten und ver­lei­ht mit tief­sin­ni­gen Kan­tile­nen der Kunde von Trauer und Aufruhr würdig­sten Aus­druck. Die konzen­tri­erte und nur von weni­gen Klang­bal­lun­gen erschüt­terte Anmut der zauber­haften Dis­so­nanzen – Kom­p­lika­tio­nen der Ein­fach­heit – lässt Tugen­den der Musik Anton Weberns oder Mor­ton Feld­mans in neuer Gestalt aufleben.
Die Recital-CD wird durch die dra­matur­gisch klug geord­nete Vielfalt zum eige­nen Werk. Den Abschluss macht die angesichts des Ern­stes der anderen Stücke gele­gentlich friv­ol scheinende Col­lage Three Sis­ters von Daisuke Ter­auchi aus Musik von Chopin, Ysaÿe und Mau­ro Giu­liani (einem Gitar­renkom­pon­is­ten des frühen 19. Jahrhun­derts). Erst der plöt­zliche Abbruch am Schluss bringt das Bild der mit­ten im Tanz aus dem Leben geris­se­nen Stadt Hiroshi­ma in Erinnerung.
Mag die Gitarre in der klas­sis­chen Musik ein eher seltenes Instru­ment sein
– in diesem Trio emanzip­iert sie sich als gle­ich- und voll­w­er­tiger Part­ner, der in grauer Vorzeit aus densel­ben Wurzeln spross wie Geige und Klavier. Ein Ensem­ble aus drei Instru­menten, die sich nicht maßge­blich durch das Reg­is­ter, son­dern durch Spiel­weise und Klang unter­schei­den, sind das eigentlich Neue, das aber beim Ken­nen­ler­nen dieser CD voll­ständi­ges Ver­trauen und den Wun­sch weckt, die Musikgeschichte hätte ein umfan­gre­ich­es Reper­toire da­für überliefert.

Matthias R. Entreß