2. August 2018

CD/DVD

Beste Wer­tung: 5 von 5 Punk­ten

Karlheinz Stockhausen: Klavierstücke I–XI
Sabine Liebner, Klavier
2 CDs, Wergo WER 73412

Obwohl die Entwick­lung der elek­tro­n­is­chen Musik einen maßge­blichen Anteil im kom­pos­i­torischen Schaf­fen von Karl­heinz Stock­hausen (1928–2007) ein­nimmt, bilden seine Klavier­stücke eine rel­a­tiv umfang­reiche Werk­gruppe. 1952 fasste der ein­stige Stu­dent der Schul­musik mit Haupt­fach Klavier den Plan, 21 Kom­po­si­tio­nen für Klavier solo zu schreiben, wobei einige der späteren Stücke auch von elek­tro­n­is­chen Tas­tenin­stru­menten gespielt wer­den kön­nen. Diese Klavier­stücke berühren viele kom­po­si­tion­stech­nis­che The­men und Dimen­sio­nen, die Stock­hausen zeitlebens beschäftigten. Zahlre­iche Anre­gun­gen fand er u. a. im Schaf­fen von Schön­berg, Webern und Mes­si­aen. Er hat sich auf den direk­ten Umgang mit dem Klavier ohne Prä­parierung beschränkt und über ein erweit­ertes Spek­trum an Spielarten sowie dy­namische Abstu­fun­gen nach neuen Klang­möglichkeit­en gesucht.

Als renom­mierte Inter­pretin Neu­er Musik hat sich jet­zt Sabine Lieb­n­er den Klavier­stück­en I–XI gewid­met. Eine Ein­spielung, die neben den Auf­nah­men von Aloys Kon­tarsky und Her­bert Henck als exem­plar­isch gel­ten kann, weil sie ihre Les­art der Par­ti­tur ganz in den Dienst von Stock­hausens Anweisun­gen stellt und Details bezüglich Klang und Tim­ing sehr präzise wie dif­feren­ziert ge­staltet.

Seine ersten Klavier­stücke I–IV be­zeichnete Stock­hausen als «Zeich­nun­gen» im Gegen­satz zu den späteren elek­tro­n­is­chen klang­far­ben­re­ichen Werken, den soge­nan­nten «Gemälden». Die einzel­nen Töne sind hier weit­ge­hend in ihren Ton­la­gen deut­lich voneinan­der abge­hoben. Dem Spiel in extremen Lagen begeg­net Lieb­n­er mit äußerst sub­til­er Klangge­bung, was beim Hören für eine dauer­hafte Span­nung sorgt.
Eine Her­aus­forderung für die Pia­nistin bedeutet das Klavier­stück IV mit gut vierzig­minütiger Dauer. Die Pausen wer­den hier zu fühlbar kalkulier­baren Momenten der Stille. Beim Hören dominiert zunächst ein dicht gewoben­er Klangkom­plex, dessen Fa­cetten aber zunehmend aufgeschlüs­selt wer­den und so eine sog­artige Wirkung entwick­eln.

Eine Unvorherse­hbarkeit des mu­sikalischen Ver­laufs dominiert das Klavier­stück XI, wobei hier alles dem zufäl­li­gen Agieren des Inter­pre­ten über­lassen bleibt, den Stock­hausen damit für bes­timmte Erfahrun­gen sen­si­bil­isieren wollte. Sabine Lieb­n­er gelingt auch hier eine äußerst pack­ende Inter­pre­ta­tion. Ins­ge­samt eine sehr empfehlenswerte und bere­ich­ernde Neuer­schei­n­ung, auch we­gen des infor­ma­tiv­en Book­lets aus der Fed­er von Wolf­gang Rathert.

Yvonne Petit­pierre

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