2. August 2018

CD/DVD

Beste Wer­tung: 5 von 5 Punk­ten

Philippe Manoury
Le temps, mode d’emploi
GrauSchumancher Piano Duo,
SWR Experimentalstudio
SACD, NEOS 11802

In ein­er immer kom­plex­er wer­den­den Welt sind Gebrauch­san­weisun­gen hil­fre­ich, bisweilen gar unent­behrlich. Wer sich aber von Philippe Manourys Le temps, mode d’emploi (2014) eine ver­lässliche Anleitung für das Phänomen ‹Zeit› erhofft, wird erfreulicher­weise ent­täuscht. Vielmehr dürfte der Titel des 58-minüti­gen Werks für zwei Klaviere und Live-Elek­tron­ik – so ver­mutet es auch Bernd Künzig im Book­let­text – sich augen­zwinkernd auf Georges Perecs Opus sum­mum La Vie mode d’emploi beziehen: Im 1978 pub­lizierten exper­i­mentellen Roman des franzö­sis­chen Schrift­stellers wer­den die Apparte­ments eines fik­tiv­en Paris­er Wohn­haus­es nach dem Bewe­gung­sprinzip des Springers im Schach durch­forstet. Mosaikar­tig fügen sich die Leben und Beziehun­gen einzel­ner Bewohner­In­nen peu à peu gle­ich Puz­zleteilen zusam­men.

Ein lin­ear­es Vorge­hen ver­mei­det auch Philippe Manoury in Le temps, mode d’emploi und beschreibt es als «ein großes musikalis­ches Fresko über ver­schiedene Meth­o­d­en, Zeit zu gestal­ten». «Sie ist», so der Kom­pon­ist weit­er, «nicht nur das Gefäß, das unser Leben, unsere Hand­lun­gen und Wahrnehmungen enthält, sie kön­nte auch ihre eigene Struk­tur haben, eine Art Umhül­lung.»
Drei zu Beginn des acht­teili­gen Stücks gespielte Mehrk­länge ver­lieren sofort an Dichte, lösen sich in ein vib­ri­eren­des Zit­tern auf, das die Live-Elek­tron­ik mul­ti­pliziert. Zu den zwei Flügeln gesellen sich vier virtuelle Klaviere: Ring­mod­ulierend tür­men und anni­hilieren sich Fre­quen­zen, die verz­er­rte Klangschat­ten bilden. Pulsierend schre­it­et die Musik voran, ohne eine bes­timmte Rich­tung einzuschla­gen. Im zweit­en Teil wiederum verzögert sich die Zeit, dro­ht zu erstar­ren, um im drit­ten Part erneut an Fahrt aufzunehmen und in sich über­schla­gende Kaskaden zu mün­den.

Ein Hör­genuss ist dabei immer wieder die Klarheit von Andreas Graus und Götz Schu­mach­ers höchst konzen­tri­ertem und präzisem Spiel sowie die schi­er mit Hän­den greif­baren, von José Miguel Fer­nán­dez und Dominik Kleinknecht (SWR Exper­i­men­tal­stu­dio) real­isierten Klang­perlen. Bei aller akustis­chen Trans­parenz ver­schmelzen – äquiv­a­lent zum Kün­stler­na­men GrauSchu­mach­er – die analo­gen und dig­i­tal­en Ebe­nen zu einem form­schö­nen Metain­stru­ment. Beson­ders deut­lich wird dies beispiel­sweise im rät­sel­haften fün­ften oder im über­aus vir­tu­osen siebten Teil der Kom­po­si­tion.
Auf­grund des Spe­icher­medi­ums SACD (Super Audio Com­pact Disc) beste­ht bei entsprechen­der Hard­ware zudem noch die Möglichkeit, das Werk in sein­er ursprünglichen Mehrkanaligkeit zu hören. Und wenn nach knapp ein­er Stunde, in der die Zeit gedehnt, ges­taucht, gekörnt, geschichtet und geteilt wurde, der let­zte Ton verklingt, bleibt das Ohr zugle­ich fra­gend und verzückt zurück.

Fünf Jahre nach sein­er Urauf­führung im Rah­men der Wit­ten­er Tage für neue Kam­mer­musik 2014 ist Le temps, mode d’emploi nun auf CD erhältlich. Das Warten hat sich gelohnt: So kann sich jede Zuhörerin bzw. jed­er Zuhör­er genü­gend Zeit nehmen, um eigene Gebrauch­san­weisun­gen anzufer­ti­gen.

Ger­ar­do Scheige

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 4/2019, Seite 71

 

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