2. August 2018

CD/DVD

Beste Wer­tung: 5 von 5 Punk­ten

Hans Zender
Schuberts Winterreise — Eine komponierte Interpretation
Hans Peter Blochwitz, Tenor; Ensemble Modern, Hans Zender
2 CDs, Ensemble Modern Medien EMCD-043/044
Schu­berts Win­ter­reise ist Hans Zen­ders erfol­gre­ich­ste Kom­po­si­tion. Mit sein­er längst auch ver­tanzten und im schulis­chen Musikun­ter­richt heimis­chen Über­schrei­bung des «schauer­lichen» Liederzyk­lus von Franz Schu­bert kamen auch Begriff und Gat­tung der «kom­ponierten Interpre­tation» in die Musikgeschichte. Der Topos meint die exegetis­che Bear­beitung eines Orig­i­nals mit starken eigen­schöpferischen Anteilen, seine sin­ndeu­tende Anre­icherung, Verän­derung, Verge­gen­wär­ti­gung und Ver­räum­lichung. «Kom­ponierte Inter­pre­ta­tio­nen» verbinden die Liebes­erklärung ans Orig­i­nal mit dialek­tis­chen Aneig­nung­sprozessen: Wie alle musikalis­chen Inter­pre­ta­tio­nen heben sie his­torische Abstände auf und ver­größern sie, näh­ern sich an und ent­fer­nen sich, schär­fen Kon­turen und ver­schleiern sie, dekon­stru­ieren und bauen sich neue For­men.
Die «indi­vidu­ell-inter­pretierende Lesart» (Zen­der) eines alten Stücks ist imstande, die ein­st­mals beun­ruhi­gende Wirkung der Urfas­sung neu zu beleben und damit auf die allzeit lauernde Gefahr hinzuweisen, große Musik durch abnutzende Rep­e­ti­tio­nen zum Genuss­mit­tel zu degradieren. Zen­der schrieb seine Fas­sung 1993, dirigierte die Urauf­führung mit dem vorzüglichen Hans-Peter Blochwitz und dem dito Ensem­ble Mod­ern im sel­ben und die CD-Auf­nahme im fol­gen­den Jahr.

Diese längst ver­grif­f­ene Erstein­spielung erscheint jet­zt, 25 Jahre später, beim Ensem­ble-eige­nen Label wieder. Auch bei dem – auf­nah­me­tech­nisch gän­zlich frisch gebliebe­nen – his­torischen Doku­ment fasziniert aufs Neue, mit welch­er Drastik Zen­der das «Ver­störungspoten­zial» von Sturm, Win­ter, Wan­dern, Tod und Verzwei­flung her­aushebt; wie er die «unfeinen» Instru­mente Akko­rdeon, Gitarre und Mund­har­moni­ka ein­set­zt; wie er auf Schu­bert als gar nicht so fer­nen Vor­fahren von Mahler und Webern hin­weist.

Ingeniös, wie er aus «Die Post» mit dem Posthorn-Motiv imag­inäres The­ater macht und die Herz­schlag-Fre­quenz des lyrischen Ich hochtreibt; wie er in «Mut» die dröh­nende Absicht­serk­lärung «Mutig in die Welt hinein» als auf tön­er­nen Füßen ste­hend ent­larvt; wie er in den «Neben­son­nen» durch kalkulierte Tem­po-Unschär­fen ein klin­gen­des Äquiv­a­lent zu einem trä­nen­ver­schleierten Blick erfind­et; wie in «Wasser­flut» der Jazz-Besen auf klein­er Trom­mel einen fatal­is­tis­chen Blues unter­legt und im «Lin­den­baum» ein Mahler’­sches Todes-Tam­tam den suizidalen Schlus­saufruf vor­bere­it­et.

Es tritt hier schon zutage, dass die «kom­ponierten Inter­pre­ta­tio­nen» in Zen­ders Arbeit eine kom­pen­satorische Auf­gabe bekom­men soll­ten, die manche sein­er stren­gen stilis­tis­chen Selb­stkon­trol­linstanzen außer Kraft zu set­zen halfen. Anlässlich sein­er Schu­mann-Phan­tasie hat Zen­der mit bemerkenswert­er Selb­sterken­nt­nis for­muliert, dass er bei diesen Über­schrei­bun­gen «ler­nen musste, Ver­hal­tensweisen kom­pos­i­torisch ‹zuzu­lassen›», die vielle­icht sog­ar «die Gren­zlin­ien ‹guten Geschmacks› über­schre­it­en». Das macht sie umso wirkungsvoller.
Rain­er Peters

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 5/2019, Seite 70

 

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