2. August 2018

CD/DVD

Bernd Alois Zimmermann
Recom­posed
Orig­i­nal- und Rekompositionen
Sarah Wegen­er, Sopran; Mar­cus Weiss, Sax­o­fon; Ueli Wiget, Klavier; WDR Sin­fonieorch­ester Köln, Heinz Holliger
3 CDs, Wer­go WER 73872

BEWERTUNG: 5 von 5 Punkten!

Wer hätte gedacht, dass Heinz Hol­liger ein­mal Rach­mani­now dirigieren würde?! Er selb­st wohl nicht, denn dafür ist die ästhetis­che Dis­tanz zu groß. Eine Annäherung wurde erst über Bernd Alois Zim­mer­mann (1918–70), einen Favoriten Hol­ligers, möglich. Zim­mer­mann bear­beit­ete 1950 die Romanze und die Humoreske aus den Morceaux de Salon op. 10 für Orch­ester mit solis­tis­chem Sax­o­fon bzw. Klavier und zauberte dabei eine neue Klang­welt hervor.

Zu find­en sind diese Stücke neben weit­eren Erstein­spielun­gen auf der CD-Box Zim­mer­mann recom­posed. Sie wirft ein neues Licht auf das Schaf­fen dieses Kom­pon­is­ten. Aus den rund hun­dert Bear­beitun­gen wurde eine far­bige Auswahl getrof­fen. Das reicht von Barock-Adap­tio­nen bis hin zu Jazz­igem, von franzö­sis­chen Chan­sons des 18. Jahrhun­derts bis hin zu den Exo­tis­men eines Cyril Scott. Manch­mal muss man erst im Book­let nach­le­sen, weil man die Autoren kaum mehr ken­nt. Edmund Nick etwa, der mit einem Blues vertreten ist, war Kapellmeis­ter, Operetten- und Filmkom­pon­ist sowie Haupt­abteilungsleit­er Musik beim NWDR und damit Zim­mer­manns Arbeit­ge­ber. Kein Zufall, denn die meis­ten dieser Bear­beitun­gen ent­standen für den dies­bezüglich hun­gri­gen Rund­funk, vieles in den 50er Jahren. Und so ist es nur angemessen, dass sich das WDR Sin­fonieorch­ester unter Hol­ligers Leitung dieser Stücke annimmt. Sie arbeit­en die Fein­heit­en unge­mein sorgfältig her­aus. U‑Musik: Bernd Alois Zim­mer­mann beherrschte und mochte das soge­nan­nt Leichte. Das Arrang­ieren war für ihn keine min­der­w­er­tige Fronar­beit (auch wenn ihn das seine Avant­gardekol­le­gen spüren ließen), denn son­st hätte er es kaum mit solch­er Liebe zum Detail gestal­tet, ein­fall­sre­ich und durch­wegs trans­par­ent. Er fol­gt zwar dem Orig­i­nal, denkt es aber über­raschend weit­er und spin­nt es aus mit zarten Instru­men­tal­far­ben. Im Ide­al­fall eröffnet sich dabei eine Bilder­welt, die sich im Orig­i­nal allen­falls erah­nen lässt – so etwa bei Mus­sorgskis Reiseein­drück­en aus der Krim.

Zim­mer­mann eignete sich so ein stilis­tisch bre­ites Handw­erk an. Abge­se­hen von der Fin­ger­fer­tigkeit des Arrang­ierens waren diese Musiken gut ein­set­zbar, etwa in den Hör­spie­len, aber sie sind auch Aneig­nun­gen im Spiegel bedeu­ten­der­er eigen­er Werke. Der Bear­beitung­sprozess wirft eben­so ein Licht auf die Col­lagetech­nik Zim­mer­manns wie auf sein Konzept ein­er «Kugelgestalt der Zeit». Von daher ist es auf­schlussre­ich, wenn zwis­chen Bear­beitun­gen gewichtigere Stücke erscheinen, in denen Zim­mer­mann diese Erfahrun­gen weit­er­trieb, so etwa die brasil­ian­is­chen Capric­ci Alagoana im Umfeld von Vil­la-Lobos, Mil­haud, Casel­la und boli­vian­is­chen Tänzen oder etwa das let­zte Werk Stille und Umkehr zusam­men mit den Jazzbear­beitun­gen. Der Blues darin ist, wie Hol­liger im Book­let-Gespräch mit Michael Kunkel sagt, die «Bedin­gung dafür, dass dieser Orch­esterkör­p­er über­haupt leben kann!». So schießt mit dieser wun­der­baren CD-Box vieles zusammen.

Thomas Mey­er