2. August 2018

CD/DVD

Beste Wer­tung: 5 von 5 Punk­ten

Mark Andre
riss
Ensemble Modern, Ingo Metzmacher
Ensemble Modern Medien, EMCD-045


Fortschre­it­en, anhal­ten, sich wun­dern. Mit Let­zterem begin­nt ange­blich die Philoso­phie, öffnet sich ein neuer Gedanken- oder Erfahrungsraum. Mark Andre ist musikalisch auf der Suche nach diesen erleb­baren neuen Wun­der­räu­men und -momenten. Sie erscheinen für ihn im schw­er greif­baren Dazwis­chen, zwis­chen den ver­schiede­nen Klang­typen und musikalis­chen Per­spek­tiv­en, oder auch: im «Riss» durch das Übliche, schein­bar Selb­stver­ständliche.
Zwei der drei Ensem­blekom­po­si­tio­nen, die den riss im Titel tra­gen, begin­nen mit ein­er beina­he Schu­bert-arti­gen Wan­der­be­we­gung, einem, so kön­nte man es auch hören, gle­ich­mäßi­gen Herz­schlag, der dann ange­hal­ten wird – zum Beispiel durch Fer­mat­en, auf unab­se­hbare Zeit. Wenn wir diese Musik hören, reisen wir selb­st mit: wir lauschen auf ihr Entste­hen und (beson­ders) auf das Verklin­gen, erken­nen rechts und links des Weges neue Klangverbindun­gen, ahnen Struk­turen, kor­rigieren immer wieder unsere Erwartun­gen.
Die Vorstel­lung der The­olo­gin Mar­garete Gru­ber, Jesus selb­st habe sich den Riss als «Stan­dort für sein Leben» gewählt, als einen schmerzhaften Punkt des Über­gangs, an dem Entschei­den­des wahrnehm­bar wird, begleit­et Mark Andre seit 2014 und durch die Entste­hung der drei Ensem­blew­erke. Sie tritt aber nie expliz­it in den Vorder­grund. Schließlich geht es ger­ade um das Unklare, die Such­be­we­gung, for­muliert die Mu­sik vielmehr die Frage als die Antwort.
Pausen und Stillen, Res­o­nanzen und Nachk­länge dieser Musik fordern und fördern die Kon­tem­pla­tion, ein Sich-Versenken in die Sache und den Hör-Moment. Dies aus dem geschützten Hier und Jet­zt des Konz­erts hin­auszu­trans­portieren, bleibt riskant. Aber – die neue Ein­spielung zeigt es – es ist möglich. Nach­dem die drei riss-Kom­po­si­tio­nen in aufeinan­der­fol­gen­den Jahren von drei ver­schiede­nen Ensem­bles uraufge­führt wur­den, ver­lei­ht die Ein­spielung durch ein Ensem­ble dem Trip­ty­chon überdies eine neue Kon­sis­tenz.
Das Ensem­ble Mod­ern und Ingo Met­z­mach­er tauchen tief ein in die Klang­welt dieser Stücke, ver­lieren unter­wegs das zeitliche «Voran», scheinen sich selb­st bisweilen ver­wun­dert zuzuhören. Eine Gruppe von Indivi­duen mit je ganz unter­schiedlichen (Klang-)Möglichkeiten, die sich ein­er gemein­samen, bisweilen unun­ter­schei­d­baren und nicht mehr zu- und einzuord­nen­den Klan­glichkeit annäh­ern: Vielle­icht kommt das der musikalis­chen Inten­tion von Mark Andre sog­ar beson­ders nahe. Dass das Ensem­ble-eigene Label sich dieser Pro­duk­tion annimmt, spricht nochmals für dessen Engage­ment, und von der Auf­nah­me­qual­ität bis zum Book­let hält sich das hohe Niveau.
Der neue Fes­ti­valleit­er in Schwaz, Rein­hard Kager, pro­gram­mierte unlängst den dre­it­eili­gen Zyk­lus von Mark Andre mit dem Ensem­ble Mod­ern, auch weil er bei den diesjäh­rigen «Klangspuren» den aktuellen «Ris­sen» in unser­er alles andere als bruch­los-heilen Gegen­wart und Gesellschaft nach­spüren wollte. Aber ob nun religiös oder poli­tisch ver­standen – Musik wie diese macht wohl etwas Grund­sät­zlich­es erfahrbar; und wenn sie so gut gespielt und aufgenom­men wurde, sog­ar beim Anhören ein­er CD.

Lydia Jeschke

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 6/2019, Seite 71

 

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