2. August 2018

CD/DVD

Wer­tung: 4,5 von 5 Punk­ten

Susanne Fröhlich21
Werke von Peter Hannan, Terri Hron, Kathrin A. Denner, Isang Yun und
Susanne Fröhlich
2 CDs, Orlando Records OR0038
Wie klingt die Block­flöte des 21. Jahrhun­derts? Mit dieser Frage hat sich die Block­flötistin Susanne Fröh­lich in ihrer Dis­ser­ta­tion an der Uni­ver­sität für Musik und darstel­lende Kun­st in Graz beschäftigt. Ein­er ihrer Forschungss­chw­er­punk­te liegt auf der in den 1990er Jahren entwick­el­ten Helder-Tenor­block­flöte, die nicht wie üblich eine Rep­lik nach his­torischem Vor­bild ist, son­dern ein Instru­ment, das mit speziellem Klap­pen­sys­tem und Voic­ing den Anforderun­gen zeit­genös­sis­ch­er Kom­po­si­tio­nen gerecht zu wer­den ver­sucht. Die Erfahrun­gen und Erken­nt­nisse aus Forschung und Prax­is von Fröh­lich und dem Block­flöten­bauer Erik Jahn (Fir­ma Mol­len­hauer) bilden jet­zt, zwanzig Jahre später, die Grund­lage für die Weit­er­en­twick­lung zum Helder-Jahn Tenor.
Die neuen klan­glichen und spiel­tech­nis­chen Erweiterun­gen des Instru­ments präsen­tiert Fröh­lich auf ihrem Solo-Debü­tal­bum Susanne Fröhlich21. Jedes der fünf Solo-Werke aus dem späten 20. und frühen 21. Jahrhun­dert – teil­weise in Kom­bi­na­tion mit Elek­tron­ik – stellt jew­eils einen Klan­gaspekt der Block­flöte in den Vorder­grund. Schnelle Wech­sel zwis­chen ordi­nario und Mul­ti­phon­ics wie in RSRCH 12/84 – Dream von Peter Han­nan gelin­gen mit unge­heur­er Präzi­sion und spielerisch­er Selb­stver­ständlichkeit. Beast Calls – Susi Spi­nus von Ter­ri Hron gle­icht ein­er Art instru­men­talem Kri­mi für die Ohren, in dem die Instru­men­tal­istin durch eine düstere Klang­welt wan­dert. In engrave V von Kathrin A. Den­ner wer­den die Möglichkeit­en zwis­chen Klang und Geräusch aus­gelotet. Beson­dere Aufmerk­samkeit ver­di­ent die Ein­spielung The Vis­i­tor of the Idyll von Isang Yun aus seinem Zyk­lus Chi­ne­sis­che Bilder. Viele Inter­pretinnen und Inter­pre­ten nehmen diesen Part nicht in ihr Reper­toire auf, da die abrupten Dynamik­wech­sel vor allem in der tiefen Lage auf his­torischen Instru­menten in punc­to Into­na­tion und Klang prob­lema­tisch sind. Mit dem Helder-Jahn-Tenor ist diese Schwierigkeit endlich über­wun­den.
Die CD schließt mit ein­er Raumk­langkom­po­si­tion für Helder-Jahn-Tenor und Icosa­he­dral Loud­speak­er, ein­er Gemein­schaft­skom­po­si­tion von Ger­ri­et K. Shar­ma und Susanne Fröh­lich selb­st. Allein auf­grund der Länge von fast 25 Minuten nimmt das Stück eine Son­der­stel­lung ein. Der Titel Sem­a­phor bezieht sich auf ein Telegrafen­sys­tem, das Nachricht­en durch optis­che Sig­nale über­mit­telt. Optis­ches bleibt auf ein­er CD natür­lich ver­bor­gen; akustis­che Sig­nale zwis­chen Elek­tron­ik und Instru­ment ver­schmelzen so stark, dass die Nachricht­en schw­er zu entschlüs­seln sind. Trotz spezieller Auf­nahmesys­teme gelingt es nicht, die Raumk­langkom­po­si­tion auf Ton­träger zu ban­nen. Die lan­gen Pas­sagen im Pianis­si­mo sind selb­st mit Kopfhör­ern eine Her­aus­forderung für den Hör­er und die Hörerin.
Sehr erfrischend ist die als Audio Guide gestal­tete zweite CD anstelle eines Book­lets, in dem Fröh­lich anschaulich durch die Werke führt. Die beim Label orlan­do records erschienene CD Susanne Fröhlich21 doku­men­tiert lebendig das neue (Klang-) Poten­zial der Block­flöte des 21. Jahrhun­derts. Es bleibt span­nend, wie sich das Engage­ment für die Block­flöte auf die zeit­genös­sis­che Musik­szene auswirkt.

Ali­na Seibel

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 1/2020, Seite 72

 

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