2. August 2018

CD/DVD

Beste Wer­tung: 5 von 5 Punk­ten

Robin Hoffmann: Kunst pfeifen
Ensemble ascolta; Michael M. Kasper, Violoncello; Neue Vocalsolisten; Bruce Collings, Posaune; MAM Manufaktur für aktuelle Musik, Robin Hoffmann, Susanne Blumenthal
Thorofon CHT2651

Kein min­i­mal­is­tisch-mono­chromes Design à la KAIROS oder Ernst von Siemens Stiftung, son­dern eine augen­zwinkernde West­ern-Atmo­sphäre – das Cov­er von Robin Hoff­manns Porträt-CD Kun­st pfeifen über­rascht mit einem für Veröf­fentlichun­gen Neuer Musik unüblichen Motiv: Einge­bet­tet in eine ländliche Szener­ie sitzt der als Cow­boy gek­lei­dete Hoff­mann pfeifend und Gitarre spie­lend auf einem Baum­stamm. Neben ihm rastet ein Rappe, der im Gestrüpp nach Fut­ter sucht und – wie das Impres­sum enthüllt – auf den Namen Ascot hört. Weit­ere Abbil­dun­gen des Ges­panns zieren das Innere und die Rück­seite des Book­lets; darüber hin­aus hantieren die Tex­tele­mente auf dem Cov­er mit Ver­satzstück­en (Schrift­typen und Far­bge­bung) des West­ern-Gen­res.

Dass diese Rezen­sion zu Beginn dem visuellen und nicht dem audi­tiv­en Aspekt so viel Platz ein­räumt, ist kein Zufall: Robin Hoff­manns Musik arbeit­et gezielt «ver­bor­gen sub­ver­siv», wie Michael Reb­hahn im Begleit­text betont. Und das vom Mul­ti­kün­stler Marc Behrens gestal­tete Cov­er greift bewusst das Spiel und den Bruch mit Erwartun­gen auf, um sie auf iro­nisch-entrück­te Weise gekon­nt umzuset­zen.

Musikalisch äußert sich diese sub­ver­sive Kraft bere­its im ersten Track: Zwis­chen Leichtigkeit – die immer wieder zu ent­gleit­en dro­ht – und Vehe­menz – die von grotesken Aus­brüchen begleit­et wird – manövri­ert sich das Ensem­ble ascol­ta konzen­tri­ert durch anstatt dass (2009). Am Schluss verkör­pert das exponierte Drum­set auf par­a­dig­ma­tis­che Weise diese Empfind­ung kon­trol­liert­er Ent­ladung. Zu einem anderen musikalis­chen Ergeb­nis gelangt das 2005 ent­standene Schleifers Meth­o­d­en für Vio­lon­cel­lo solo: Darin entwick­elt Michael M. Kasper aus ein­er Abfolge von Auf­schlä­gen, Glis­san­di und Pizzi­cati eine fed­ernde, zugle­ich zähe Klang­masse. Bemerkenswert dabei ist das markante, der her­vor­ra­gen­den Auf­nahme zu ver­dank­ende Gefühl akustis­ch­er Nähe, die Zuhörerin und Zuhör­er gewis­ser­maßen ins Innere des Instru­ments zu befördern scheint.

Eine ähn­lich ener­getis­che Dichte wohnt dem zweit­en Solostück des Albums inne: In Straßen­musik (2015) für Tenor­posaune ste­ht allerd­ings nicht das Innere, son­dern der Blick von au­ßen inklu­sive akustis­ch­er Per­spek­tivwech­sel im kom­pos­i­torischen Fokus. Einen klan­glichen Gegen­pol dazu bildet das 2004 für die Neuen Vocal­solis­ten Stuttgart geschriebene was stimmt, dessen sich selb­st zum Inhalt haben­des Stim­menge­flecht bei stets laten­ter klaus­tro­pho­bis­ch­er Enge ein schillern­des Kalei­doskop zu erzeu­gen ver­mag. In Kun­st pfeifen (2006/07) für Kun­stpfeifer und Ensem­ble wird das vom Cov­er sug­gerierte Bild des pfeifend­en Cow­boys schließlich sinnliche Klang­wirk­lichkeit.

Alle fünf Pro­duk­tio­nen zeich­nen sich durch die Spiel­freude und Akri­bie der Inter­pretInnen aus – jedes akus­tische Ereig­nis gle­icht einem mi­kroskopischen Abtas­ten und Ver­größern, um kon­se­quent eine fordernde, über sich hin­ausweisende Musik zutage zu fördern.

Ger­ar­do Scheige

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 1/2019, Seite 71

 

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