25. September 2018

Buch

Jörn Peter Hiekel / David Roesner (Hg.)
Gegenwart und Zukunft des Musiktheaters. Theorien, Analysen, Positionen
transcript, Bielefeld 2018, 238 Seiten, 29,99 Euro

Wenn von Gegen­wart und Zukun­ft des Musik­the­aters die Rede ist, dann spie­len auch Fra­gen jen­seits indi­vidu­eller Poten­ziale und Nei­gun­gen der Pro­tag­o­nistIn­nen eine wichtige Rolle. Da wäre zum einen der tech­nis­che Wan­del zumal hin­sichtlich Dig­i­tal­isierung bzw. wach­sender Ver­bre­itung dig­i­taler Medi­en, was starken Ein­fluss auf das «analoge» Musizieren und The­ater­ma­chen auszuüben ver­mag; und zum anderen die Verän­derung der poli­tisch-gesellschaftlichen Bedin­gun­gen im Zeichen von Neo­liberalismus und wirtschafts­do­miniert­er Glob­al­isierung, die auf Sicht wohl zu sink­ender Akzep­tanz nicht in erster Lin­ie kom­merziell aus­gerichteter Kun­st­for­men führen wird. Der Abbau von Förder­struk­turen wür­de die Szene jeden­falls empfind­lich tre­f­fen. Davon war beim – im Rah­men der Münch­n­er Bien­nale für neues Musik­the­ater 2016 veranstalte­ten – Sym­po­sium «OmU. Echo­räume und Such­be­we­gun­gen im heuti­gen Musik­the­ater», auf dem die Pub­lika­tion basiert, wenig zu hören. Und das ist auch gut so, denn es sind Räume für ästhetis­che Diskurse notwendig, die sich von zweifel­los vir­u­len­ten Be­drohungsszenarien nicht beein­druck­en oder gar läh­men lassen.

Jörn Peter Hiekel gibt in seinem ein­lei­t­en­den, mit markan­ten Beispie­len verse­henen Auf­satz «Gren­züber­schre­itun­gen und neue Arbeitsweisen» einen Überblick über aktuelle Phänomene und Grenzbere­iche der Gat­tung Musik­the­ater, die kaum mehr unter einen ein­heitlichen Begriff zu fassen ist – was in eine Art Resümee dergestalt ein­mün­det, dass die in ver­schieden­ste Rich­tun­gen ver­laufend­en kün­st­lerischen Such­bewegungen die Lebendigkeit der Gat­tung unter­stre­ichen. Einen philosophis­chen Ansatz wählte Dieter Mer­sch, dessen Aus­führun­gen sich zu einem Plä­doy­er für die Offen­heit des (schöpferischen) Denkens verdicht­en – gewiss ein zen­traler Aspekt, der auch auf andere Bere­iche des Lebens zu über­tra­gen wäre.

«Dia­log mit Unter­titeln» nan­nten Manos Tsan­garis und Daniel Ott, die bei­den kün­st­lerischen Leit­er der Münch­n­er Bien­nale, ihren Beitrag, der selb­st eine Per­for­mance darstellt. In Anspielung auf den Blind­en und den Lah­men, der eine mit blauem Auge, der andere hink­end, betreten und ver­lassen sie das virtuelle Podi­um. Dazwis­chen liegt ein lau­niges Gespräch, dessen Erken­nt­nis­gewinn zwar über­schaubar bleibt, das als Facette eines vielschichti­gen Diskurs­es aber volle Berech­ti­gung hat.

Im Fol­gen­den wer­den diverse Beispiele unter­sucht, deren Spek­trum sich vom «the­atral­isierten Solo-Rez­i­tal bei Georges Aperghis» (Leo Dick) über «Strate­gien der Raum-Kom­po­si­tion …» (Mar­tin Zenck) und weit­eren Konzepten bis zu Pina Bauschs Tanzthe­ater und dem jun­gen For­mat der «Brief­markenopern» erstreckt. «Hören und Sehen in unver­traut­en Zusam­men­hän­gen» nan­nte Tobias Eduard Schick seinen Beitrag, der bere­ich­ernde Ein­blicke in die kün­st­lerische Prax­is im Umgang mit Miniatur­for­men wie eben den «Brief­markenopern» gewährt. Ein frucht­bar­er Diskurs über «Orig­i­nale und Autorschaft?» run­det die unbe­d­ingt lesenswerte Pub­lika­tion ab.

Egbert Hiller

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 5/2018, Seite 76

Buch bestellen