25. September 2018

Buch

Julia Gerlach (Hg.): Smetak’s Inventions
Die vermischten Welten des Erfinders, Klangkünstlers und Musikers Walter Smetak (1913–84)
Wolke, Hofheim 2019, engl./dt., 118 Seiten, zahlr. Abb., 22 Euro

Vor eini­gen Jahren startete das Berlin­er Kün­stler­pro­gramm des DAAD das Südameri­ka-Pro­jekt «Re-invent­ing Smetak», das seinen Höhep­unkt 2016 in ein­er Recherchereise von Musik­ern des Ensem­ble Mod­ern nach Sal­vador da Bahia, der nach São Paulo und Rio de Janeiro drittgrößten Stadt Brasiliens, fand, gefol­gt von ein­er
anschließen­den Konz­ert­tournee in Deutsch­land und Brasilien mit vier Urauf­führun­gen und ein­er Ausstel­lung in der daadga­lerie in Berlin. Die Pro­jek­tlei­t­erin Julia Ger­lach hat das Unternehmen Anfang des Jahres in ein­er vom Grafik­er Andreas Koch ansprechend gestal­teten Pub­lika­tion, Smetak’s Inven­tions, doku­men­tiert.

Wal­ter Smetak, geboren 1913 in Zürich, 1937 nach Sal­vador da Bahia aus­ge­wan­dert und 1984 daselb­st gestor­ben, war offiziell an der Musik­abteilung der Uni­ver­sität von Bahia als Cel­lolehrer und Orch­ester­musik­er angestellt. Der Schw­er­punkt sein­er Tätigkeit lag aber woan­ders: Er kom­ponierte, baute fan­tastis­che Klan­gob­jek­te, schrieb The­ater­stücke, Auf­sätze und Man­i­feste mit ein­er Ten­denz zur religiös-weltan­schaulichen Speku­la­tion und ver­sam­melte seine Anhänger zu eso­ter­isch ange­haucht­en Impro­vi­sa­tion­srun­den auf seinen Instru­menten. Smetak war das Muster­beispiel eines Synkretis­ten und der Kopf ei­ner ver­schwore­nen Gemeinde. Doch nach seinem Tod vergam­melten seine rund 150 plás­ti­cas sono­ras (Klangskulp­turen) in irgendwelchen Abstel­lka­m­mern der Uni­ver­sität, die Par­ti­turen und Schriften dro­ht­en in der tro­pis­chen Feuchtigkeit zu verder­ben. Einige Pub­lika­tio­nen sein­er Fre­unde in Sal­vador und in der Schweiz, eine Ausstel­lung in Zürich und nun vor allem das DAAD-Pro­jekt haben dem vor­erst einen Riegel vorgeschoben. Auch Smetaks Instru­mente wur­den inzwis­chen restau­ri­ert und sind in einem Muse­um für lokale Kul­turgeschichte in Sal­vador aus­gestellt.
Die nun erschienene Pub­lika­tion in deutsch­er und englis­ch­er Sprache trägt dazu bei, das schw­er greif­bare, in alle Rich­tun­gen aus­fasernde Werk Smetaks auch dem heuti­gen Pub­likum schmack­haft zu machen. Die Her­aus­ge­berin skizziert die nicht eben gradlin­ige Rezep­tion­s­geschichte und liefert eine aus­führliche Beschrei­bung der klin­gen­den Objek­te, ihres Gebrauchs und ihrer mehrdeuti­gen Sym­bo­l­ik, was durch zahlre­iche Illus­trationen ver­an­schaulicht wird. In ein­er sub­stanzre­ichen Unter­suchung beleuchtet sodann der brasil­ian­is­che Smetak-Ken­ner Mar­co Scaras­sat­ti die biografis­chen Hin­ter­gründe und die für Smetaks Ästhetik wichtige Idee der «Caos­sonân­cia», des schöpferischen Chaos als ober­ster Stufe der Har­monie. Über­raschend dabei ist, wie konkret die Bezüge der einzel­nen Klang­plas­tiken zu Smetaks synkretis­tis­chem Welt­bild sind. Die «Eubiose», eine brasil­ian­is­che Spielart des anthro­posophis­chen Gedankenguts, spielt darin eine zen­trale Rolle.

Der vor­liegende Band ist geeignet, die Aufmerk­samkeit für das schw­er zu fassende Werk des tro­pis­chen Tüftlers wach zu erhal­ten. Es läge auch in un­serem eige­nen Inter­esse, denn solche undo­mes­tizierten Fig­uren sind im heuti­gen Kul­turbe­trieb lei­der sel­ten gewor­den.
Max Nyf­fel­er

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 5/2019, Seite 76

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