25. September 2018

Buch

Matthias Kassel
Das Auge hört mit. Mauricio Kagels Instrumententheater von «Der Schall» bis «Zwei-Mann-Orchester»
(= Forum Musikwissenschaft, Band 11)
Edition Argus, Schliengen 2018, 271 Seiten, 38 Euro

 

Im Zen­trum von Matthias Kas­sels Studie ste­ht eine mit Der Schall (1968) begin­nende, Arbeit­en wie Acus­ti­ca (1968–70) und Exot­i­ca (1971–72) ein­be­greifende und mit dem Zwei-Mann-Orch­ester (1971–73) endende Gruppe von Kom­po­si­tio­nen, in de­nen Mauri­cio Kagel nicht nur mit einzel­nen Instru­menten oder kleinen Instru­menten­grup­pen, son­dern mit ganzen Samm­lun­gen von Klangerzeugern exper­i­men­tierte und diese als Voraus­set­zung für Auf­führun­gen in den Par­ti­turen forderte. Um dem Umstand gerecht zu wer­den, dass die büh­nen­wirk­same Kraft der fraglichen Werke «direkt aus den ver­sam­melten Klangerzeugern und ihrer öffentlichen Hand­habung» (S. 51) erwächst, an die Stelle ein­er konzeptuellen Erweiterung um Aspek­te des Szenis­chen also fol­glich eine «stärkere Fokussierung des Visuellen inner­halb des Mu­sikmachens» (S. 17) rückt, ver­wen­det Kas­sel in Abgren­zung zum bekan­nten «Instru­men­tal­en The­ater» den Ter­mi­nus «Instru­mententhe­ater».

In Ver­lauf sein­er Unter­suchun­gen erkun­det der Ver­fass­er zunächst die Voraus­set­zun­gen für diese Werke, in­dem er den Aus­gangspunk­ten und Vorstufen des «Ins­tu­men­talthe­aters» in unter­schiedlich­sten Arbeit­en wie der Het­ero­phonie (1959–61), der Mu­sik für Renais­sance-Instru­mente (1965–66) oder der Impro­vi­sa­tion ajoutée (1961–62) nach­spürt. Anhand der jew­eili­gen Beispiele arbeit­et er die Bedeut­samkeit eines inner­halb der Kon­ven­tio­nen öffentlich­er zeit­genös­sis­ch­er Konz­erte ange­siedel­ten Rah­mens he­raus, der ger­adezu die Voraus­set­zung zur Wahrnehmung kün­st­lerisch­er Brechun­gen bildet. In der Folge betra­chtet Kas­sel, aus­ge­hend von den Primärquellen (Par­ti­turen samt Nota­tions- und Ein­leitung­steilen, Ein­führung­s­tex­ten, Werkkom­mentaren) sowie im Falle des Zwei-Mann-Orch­esters auch auf detail­lierte Skizzen­stu­di­en gestützt, die Konzep­tion­sphasen der Werke und den Weg bis zur Real­i­sa­tion, wobei er akribisch Gemein­samkeit­en und Unter­schiede her­ausar­beit­et.

Kas­sels zen­trale Erken­nt­nis beste­ht darin, dass es sich beim «Instru­mententhe­ater» nicht etwa um einen Rückschritt gegenüber dem «Instru­men­tal­en The­ater» han­delt, son­dern dass hier die für Let­zteres bedeut­same szenis­che «Dekom­po­si­tion» der Spiel­be­we­gun­gen aus dem zeitlichen Ver­lauf des Auf­führungs­geschehens selb­st ent­fer­nt und in die Konzep­tions­phase der Werke aus­ge­lagert wur­de, weshalb sie fol­glich als zen­trales «Ele­ment der auf­führung­sprak­tis­chen Grund­vor­gaben» (S. 21) zu ver­ste­hen ist. Die Auf­gabe, eine Samm­lung von Klangerzeugern und Instru­menten zusam­men­zustellen oder gar selb­st zu kon­stru­ieren, wird somit zum eigentlichen Aus­gangspunkt des «Instru­mententhe­aters»: Hier­durch fällt den Instru­menten eine «the­ma­tisch-dra­matur­gis­che Leit­funk­tion» (S. 212) zu, die jenes Wech­sel­spiel zwis­chen the­ma­tis­ch­er Rah­mung und instru­men­taler Mate­ri­al­sub­stanz ermöglicht, aus der let­ztlich erst das «The­ater» resul­tiert.

Kas­sels Studie trägt nicht nur zur Erschließung der entsprechen­den Strate­gien Kagels bei, son­dern bietet zudem vielfältige Impulse für zukün­ftige, an der Auf­führungsebene dieser Werke anset­zende Analy­sen.

Ste­fan Drees

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 1/2019, Seite 77

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