25. September 2018

Buch


Melanie Unseld (Hg.)
Erinnerung stiften: HELENE BERG und das Erbe Alban Bergs
Universal Edition, Wien 2018, 210 Seiten, 29,95 Euro

Als Alban Berg 1935 stirbt, wird seine Frau Helene im Alter von fün­fzig Jahren zur Witwe, Erbin und Stifterin. In dieser Rolle begreift sie sich als soge­nan­nte Kom­pon­is­ten­witwe. Über vierzig Jahre küm­mert sie sich um den Nach­lass sowie die tes­ta­men­tarischen Absicht­en, die ihr Mann noch zu Lebzeit­en ver­fol­gte. Der vor­liegende Band vere­int Über­legun­gen zur Schaf­fung ein­er Erin­nerungskul­tur, die im Kon­text des kom­pos­i­torischen Ver­mächt­niss­es von Alban Berg im Rah­men ein­er inter­na­tionalen Tagung 2017 in Wien zur Diskus­sion standen.

Wie begriff Helene Berg, geborene Nahows­ka, das musikhis­torische und kün­st­lerische Erbe ihres Mannes in der Musikgeschichtss­chrei­bung zu etablieren? Melanie Unseld stellt dabei Fra­gen aus zwei Per­spek­tiv­en: Han­delte Helene kun­st­be­zo­gen mit eige­nen musikalis­chen Kom­pe­ten­zen, und welche Hand­lungsspiel­räume waren ihr geboten?

Die ein­stige gemein­same ehe­liche Woh­nung in Wien, heutiger Sitz der Alban-Berg-Stiftung, trägt die Hand­schrift ein­er kon­stru­ierten Erin­nerung. Dieses Ter­rain berührt Daniel Ender mit sein­er Spuren­sicherung bezüglich ein­er Insze­nierung der Wohn­räum­lichkeit­en. Facetten­re­ich beleuchtet Susanne Rode-Brey­mann Nach­lassver­wal­tung und Witwen­schaft im Ver­gle­ich zu Alma Mahler-Wer­fel. Als ‹Geis­tesver­wandte› pfle­gen bei­de einen inten­siv­en, von enger Ver­trautheit gekennze­ich­neten Briefkon­takt und sehen sich vor ähn­liche Auf­gaben gestellt, wenn auch in unter­schiedlichen ökonomis­chen Kon­tex­ten.

Helene Berg, die sehr selb­st­bes­timmt agierte, hat sich für ihre Entschei­dungs­find­un­gen immer wieder mit ihrem ver­stor­be­nen Mann berat­en. Vor der Kulisse dieser eso­ter­isch anmu­ten­den Ver­schroben­heit muss ihre Erin­nerungsar­beit abseits wis­senschaftlich­er Inter­essen in den Blick genom­men wer­den.

Die Witwe zwis­chen Selb­st­bes­tim­mung und Rol­len­er­wartung im 19. Jahrhun­dert reflek­tiert der Beitrag von Gesa Finke. Deut­lich wird, dass Helene trotz ‹stark­er Witwen­identität› weit­ge­hend ohne öffent­liche Insze­nierung agierte, was den immer wieder kur­sieren­den Vor­wurf ihrer Aktiv­itäten im Geheimen füt­tert. In welchem Aus­maß Helene ein ide­al­isiertes Bild ihres Mannes hin­ter­lassen wollte, beleuchtet Kata­ri­na Pranger in ihrem Beitrag zu den ‹auto-/bi­ographis­chen Strate­gien›.

Während die Berg-Forschung seit Jahrzehn­ten u. a. Albans Inter­esse am kul­turkri­tis­chen Net­zw­erk um Karl Kraus berück­sichtigt, selek­tiert und rel­a­tiviert Helene dahinge­hend gezielt ihre Erin­nerung. Die posthume Kon­struk­tion ein­er Biografie kon­fron­tiert sie auch mit Vor­wür­fen, vor allem was die Her­aus­gabe der Briefe ihres Mannes bet­rifft oder die Zurück­hal­tung von Quellen zum kom­pos­i­torischen Schaf­fen.

Hin­ter­gründe der späten Ini­tia­tive in den 1980er Jahren für die Alban-Berg-Gesam­taus­gabe durch­leuchtet Mar­tin Eybl und liefert zugle­ich ei­nen his­torischen Abriss zu Entste­hung­sprozessen von Gesam­taus­gaben. Ins­ge­samt eine äußerst lohnende Lek­türe, weil sie den Blick auf das ‹Mon­u­ment Berg› kri­tisch reflek­tiert und zugle­ich eine schillernde Charakteris­tik der Witwe Helene Berg zeich­net.

Yvonne Petit­pierre

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 4/2019, Seite 77

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