25. September 2018

Buch

Sabine Sanio / Bettina Wackernagel (Hg.)
Heroines of Sound
Feminismus und Gender in elektronischer Musik
Wolke, Hofheim 2019, 216 Seiten, 24 Euro


Die weit­ge­hende Dom­i­nanz männlich­er Pro­tag­o­nis­ten in der elek­tro­n­is­chen Musik­szene stellt seit 2014 im Rah­men des jährlichen Berlin­er Fes­ti­vals «Hero­ines of Sound» Fra­gen an eine in der Gesellschaft existierende ver­meintliche Nis­che: Frauen und deren spez­i­fis­che Kreativ­ität auf diesem Ter­rain. Auch wenn musizierende und kom­ponierende Frauen einen nicht zu negieren­den Teil der Musikgeschichte mit­geschrieben ha­ben, so gestal­tet sich die Rezep­tion­s­geschichte bezüglich elek­tro­n­is­ch­er Musik trotz erfol­gre­ich­er Pionie­rinnen ver­gan­gener Jahrzehnte eher dünn. So wird der Umgang mit inter­ak­tiv­er Soft­ware noch immer vor­wiegend mit Männlichkeit assozi­iert. Doch ger­ade die gegen­wär­tige Gen­er­a­tion an Klangkün­st­lerin­nen nutzt solcher­lei Tech­niken, um mit ver­traut­en Gren­zen und Nor­men kreativ zu brechen.
Der nach dem Fes­ti­val benan­nte Band Hero­ines of Sound, her­aus­gegeben von Fes­ti­val­grün­derin Bet­ti­na Wack­er­nagel zusam­men mit Sabine Sanio (seit 2015 im Kura­torin­nen-Team von «Hero­ines of Sound»), gibt Ein­blicke in dahinge­hende Aktiv­itäten aus ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en, um sie ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit zugänglich bzw. bewusst zu machen. The­ma­tisiert wer­den neben Rück­blick­en auf die let­zten fünf Jahre Fes­ti­valgeschichte auch Fra­gen, die im Kon­text möglich­er Auswirkun­gen auf Prozesse eines gesellschaftlichen Wan­dels inter­essieren.
Dass die These der «Geschlecht­slosigkeit» elek­tro­n­is­ch­er Musik längst keinen tragfähi­gen Boden mehr hat, son­dern allen­falls gesellschaftlichen Stereo­typen gehorcht, belegt vor allem die vielfältige Präsenz von äußerst avancierten Kom­pon­istin­nen, die facetten­re­ich und gen­reüber­greifend arbeit­en. Zur Diskus­sion ste­ht die Forderung, das ungle­iche Geschlech­terverhältnis gesellschaftlich neu zu reflek­tieren. Im Fokus des Ban­des ste­hen zahlre­iche Kün­st­lerin­nen mit ihren sub­jek­tiv­en Anschau­un­gen, Erfahrun­gen und ihrem kün­st­lerischen Selbst­verständnis. In allen Fällen inter­essiert, wie die Kün­st­lerin­nen die elek­tro­n­is­che Klang­for­mung in avan­cierter E- und Pop­musik per­for­ma­tiv aus­drück­en und in ihren poten­ziellen Möglichkeit­en wei­t­er­denken.
Zu Wort kom­men 17 Klangkün­st­lerin­nen, die ihre Inspi­ra­tionsquellen – bevorzugtes akustis­ches Mate­r­i­al –, Vor­bilder, ästhetis­che Inten­tion und oft kom­pro­miss­losen Klangvorstel­lun­gen dar­legen. Der Blick fällt auf zen­trale Ver­anstal­tun­gen der let­zten Fes­ti­val­jahrgänge, ästhetis­che Diskurse und Verän­derun­gen, die sich im Hin­blick auf Gen­derg­erechtigkeit in der zeit­genös­sis­chen elek­tro­n­is­chen Mu­sik beobacht­en lassen. Dass es bei den kün­st­lerischen Arbeit­en um weit mehr als rein fem­i­nis­tis­che Auf­brüche geht, doku­men­tieren diverse Pan­el und Diskus­sion­srun­den, die im Rah­men des Fes­ti­vals stattge­fun­den haben. Das Ver­hält­nis von Kör­p­er, Gen­der und Medi­en wird eben­so erörtert wie die kul­tur­wis­senschaftliche Per­spek­tive, Fra­gen der Nota­tion oder Klang­visionen.
Mit Hero­ines of Sound liegt ein äußerst infor­ma­tiv­er und lesenswert­er Band vor, der mit vielfältig­sten ästhetis­chen Ansätzen belegt, dass die fehlende Sicht­barkeit zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­istin­nen im Bere­ich elek­tro­n­is­ch­er Musik nichts mit fehlen­der kün­st­lerisch­er Kreativ­ität zu tun hat.

Yvonne Petit­pierre

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 6/2019, Seite 75

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