25. September 2018

Buch

Immer auch ein politischer Impuls
Juan Allende-Blin im Gespräch mit Christian Esch und Frank Schneider
Klaus-Jürgen Kamprad, Altenburg 2017, 216 Seiten, Euro 39,80

Zweifel­los: Der chilenis­che Kom­ponist Juan Allende-Blinde, der seit 1951, also seit seinem 23. Leben­s­jahr, über­wiegend in der Bun­desre­pub­lik lebt – zunächst in Ham­burg, dann in Essen –, gehört zu den wichti­gen Stim­men der Nachkriegsa­vant­garde: als Kon­struk­teur inspiri­eren­der Musik­stücke, als «Ko-Autor» von Claude Debussy, der dessen Edgar-Allan-Poe-Opern-Frag­ment „Der Unter­gang des Haus­es Ush­er“ ver­voll­ständigte, als Mu­­sikologe, der sich nach­haltig für die von den Nazis ver­femten Komponis­ten und ihre Werke engagierte, als Ver­mit­tler uner­hörter Impulse der Futur­is­ten und ander­er Ismen-Kün­ste an die Jün­geren (etwa als häu­figer Gast in der Kom­po­si­tion­sklasse von Mauri­cio Kagel in Köln), als Hör­spiel­mach­er, als ästhetis­ch­er Chro­nist und Fea­ture-Autor in den ARD-Stu­dios des WDR, des hr und des SWR, als reger Essay­ist in den von Heinz-Klaus Met­zger und Rain­er Riehn edierten „Musik-Konzepten“ usw.

Überdies ist Allende-Blin, der mit nahezu allen Pro­tag­o­nis­ten der Neuen Musik kün­st­lerisch-fre­und­schaftlich verkehrte, ein über­aus ser­iös­er Ohren- und Augen­zeuge der Neuen Musik. Den­noch ken­nen diesen dis­tin­guierten Her­rn – Juan Allende-Blin wurde am 24. Feb­ru­ar neun­zig Jahre alt – und sein Œuvre nicht mehr so viele Szenegänger wie noch vor eini­gen Jahren. Das mag daran liegen, dass seine Kom­po­si­tio­nen in den let­zten Jahren immer sel­tener auf Fes­ti­vals, in Konz­ertrei­hen oder im Radio zu hören sind; immer­hin liegen etliche sein­er Werke auf Ton­trägern vor.

Umso richtiger und wichtiger ist es, dass die bei­den Musik­wis­senschaftler Frank Schnei­der und Chris­tian Esch eine Mono­grafie über Leben und Werk des Kom­pon­is­ten veröf­fentlicht haben. Es ist nicht die erste Pub­lika­tion über und mit Allende-Blin, gle­ich­wohl ein weit­er­führen­der und ver­tiefend­er Bericht seines Lebens und Denkens in Musik, Lit­er­atur, Tanz und Kun­st.

Schon als Kind fes­sel­ten ihn die (Klang-)Erzählungen im Eltern­haus in San­ti­a­go de Chile, in dem viele vor dem Faschis­mus in Europa geflo­hene Intellek­tuelle ein und aus gin­gen, nährten Wis­sen und Neugierde, weck­ten und förderten die Ent­fal­tung der eige­nen Kreativ­ität. Davon und von vie­len weit­eren Facetten weiß Allende-Blin sehr anschaulich und re­flektiert zu bericht­en. Das geschieht in den the­ma­tisch weit­ges­pan­nten und doch immer wieder auf zen­trale Punk­te fokussierten Gespräch­skapiteln, die im Dia­log mit Frank Schnei­der ent­standen sind und den span­nen­deren Teil der Mono­grafie aus­machen.

Die vom Ko-Autor Chris­t­ian Esch ver­fassten Kapi­tel, denen auch Gespräche mit und ältere Äußerun­gen von Allende-Blin zugrunde liegen, sind indes essay­is­tis­ch­er Natur. Sie näh­ern sich – lei­der manch­mal etwas zu selb­stver­liebt und ana­lytisch ober­flächen­ver­siegelt – ver­schiede­nen werk­genetis­chen, rezep­tions- und pro­duk­tion­säs­thetis­chen Aspek­ten im poly­pho­nen Œuvre Allende-Blins, für den Poe­sie und Prosa einen emi­nen­ten Stim­u­lus zur musikalis­chen (Ent-)Äußerung bilden.

Was Sinn und Gehalt der Musik Juan Allende-Blins anbe­langt, muss jeden­falls weit­er geforscht und gedacht wer­den. Vor allem aber muss seine Musik weit­er­hin bzw. wieder aufge­führt wer­den, denn sie hat – wie ihr Urhe­ber – viel zu sagen und dies klug und sinnlich.

Ste­fan Fricke

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 6/2018, Seite 75

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