25. September 2018

Buch

Wolfgang Gratzer / Christoph Lepschy (Hg.)
Proben-Prozesse
Über das Entstehen von Musik und Theater
Rombach, Freiburg i. Br. /Berlin/Wien 2019, 240 Seiten, 38 Euro
Nicht nur kün­st­lerische Werke und deren Auf­führung sind – im Kon­text kul­tureller und gesellschaftlich­er Meta­mor­pho­sen – per­ma­nen­tem Wan­del unter­wor­fen, son­dern auch die Prozesse, die ihre öffentliche Präsen­ta­tion erst ermöglichen: die «Proben-Prozesse». In der gle­ich­nami­gen Pub­lika­tion stellen die Her­aus­ge­ber dies­bezüglich richtige und wichtige Fra­gen: «In welch­er Weise verän­derten sich Proben- und Auf­führungskonzepte in ver­schiede­nen kul­turellen Zusam­men­hän­gen bish­er? Welche Entwick­lun­gen nah­men bes­timmte Proben-Prak­tiken und -Kon­ven­tio­nen in kün­st­lerisch­er und sozialer Hin­sicht? […] Inwieweit kann die verän­derte Wahrnehmung der Proben-Prozesse wiederum die weit über den Prober­aum hin­aus­re­ichende gesellschaftliche Such­be­we­gung nach neuen und alter­na­tiv­en For­men und Mod­ellen sozialer Koop­er­a­tion reflek­tieren und inspiri­eren?» Die Gespräche und Auf­sätze, die bei einem 2015 am Salzburg­er Mozar­teum ver­anstal­teten «Work­shop» zum The­ma basieren, behan­deln diese Fra­gen auch und ger­ade anhand konkreter Pro­jek­te.
Dass zum «Proben» auch das demon­stra­tive «Nicht-Proben» gehört, zeigt sich markant in Peter Ablingers Stre­ichquar­tett mit dem pro­vokan­ten Titel Wach­s­tum und Massen­mord. In dem 2010 in Donaueschin­gen uraufge­führten Stück war die erste Probe des stadler quar­tetts zugle­ich die Per­for­mance vor Pub­likum, wobei es Ablinger weniger um «intime» Ein­blicke in die Quar­tet­tar­beit ging als um Entau­ratisierung des Kunst­werks, wom­it er kon­se­quent an das maßge­blich von John Cage ini­ti­ierte Bre­chen von Kon­ven­tio­nen und Ent­mys­ti­fizieren des Schöpferischen anknüpfte.
Wolf-Dieter Ernst referiert über «his­torische und theateranthropo­logische Kon­turen» der Proben und hebt her­vor, dass eben nicht nur das The­ater selb­st das Poten­zial habe, das alltägliche Zeit­be­wusst­sein außer Kraft zu set­zen, son­dern bere­its die Probe, die für die Beteiligten einen alter­nativen (und rit­u­al­isierten) Leben­srhyth­mus her­vorzu­rufen ver­mag. Das ist span­nend vor dem Hin­ter­grund, dass inten­sive «Proben-Prozesse» erst im 20. Jahrhun­dert aufka­men, was die Ver­mu­tung nahe legt, dass die wach­sende Beschle­u­ni­gung und Verdich­tung der Leben­sum­stände die Sehn­sucht nach alter­na­tivem Zeit­empfind­en in «Proben-Prozessen» beflügelte.
Der öster­re­ichis­che Kom­pon­ist und Jazz-Posaunist Radu Mal­fat­ti propagiert hinge­gen, dass Proben im Prinzip ent­behrlich seien, wenn die Hal­tung stimme. So nachvol­lziehbar dieses Pos­tu­lat aus der Sicht des impro­visieren­den Musik­ers erscheint, so wird es sich gegenüber kom­plex­en Par­ti­turen und Vor­gaben zwangsläu­fig als untauglich erweisen. Weit­ere sehr auf­schlussre­iche Ein­blicke in die Entste­hung von Musik und The­ater gewähren in dieser run­dum gelun­genen Pub­lika­tion etwa Isabel Mundry, Hein­er Goebbels und Hos­sam Mah­moud, der seine Musik statt in Tak­ten in «Atemzü­gen» organ­isiert, sowie Ste­fan Drees, der die frucht­bare Koop­er­a­tion des Kom­pon­is­ten Alexan­der Schu­bert mit der Geigerin Bar­bara Lüneb­urg ausleuchtet.
Egbert Hiller

 

erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 1/2020, Seite 76

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