A Surprise in Texas

Der Internationale Van Cliburn Klavierwettbewerb 2009. Dokumentarfilm von Peter Rosen

Verlag/Label: EuroArts 2058168
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/04 , Seite 84

Trä­nen, Jubel, Ner­venkrieg: Das ist der Stoff, aus dem die Musik­wet­tbe­werbe sind. Der alle vier Jahre im tex­anis­chen Fort Worth stat­tfind­ende Van Cliburn-Klavier­wet­tbe­werb macht da keine Aus­nahme. Sein inter­na­tionales Renom­mee ist hoch, und entsprechend streng sind die Anforderun­gen an die Kan­di­dat­en. Wie in diesem drei­wöchi­gen Stresstest die Span­nung von Runde zu Runde steigt und der Adren­a­lin­spiegel Reko­rd­höhen erre­icht, hat der amerikanis­che Musik­film­regis­seur und ‑pro­duzent Peter Rosen mit eben­so viel Scharf­blick wie Sen­si­bil­ität beobachtet. Er fragt die Teil­nehmer nach ihren Motiv­en und Erwartun­gen, nimmt sachte an ihrem tranceähn­lichen Aus­nah­mezu­s­tand teil und zeigt das Wech­sel­bad der Gefüh­le, das sie durch­leben: die Gebor­gen­heit in der Gast­fam­i­lie, die Back­stage-Ner­vosität vor dem Auftritt und den alles entschei­den­den Moment im Schein­wer­fer­licht am Klavier, wenn sie sich den Pok­er­face-Gestal­ten der Jury und dem sen­sa­tion­slüster­nen Pub­likum ungeschützt ausliefern.
Eine Haupt­fig­ur der Doku­men­ta­tion ist der blinde zwanzigjährige Japan­er Nobu­yuki Tsu­jii. In der Ner­ven­hölle des Wett­bewerbs erspielte er sich 2009 mit traumwan­d­lerisch­er Sicher­heit den ersten Preis, ex aequo mit dem Chi­ne­sen Haochen Zhang. Von Mozart über Pagani­nis «Campanella»-Etüde bis zum Klavierkonz­ert von Tschaikowsky sieht man ihn, wie er blick­los am Flügel sitzt und alles intu­itiv richtig macht. Das Pub­likum quit­tiert diese Leis­tung mit Stand­ing Ova­tions und blankem Erstaunen. Der alter­sweise Mena­hem Pressler, Grün­der des berühmten Beaux Arts Trios und Wet­tbe­werb­sjuror, find­et im Inter­view die richti­gen Worte, um das Unbe­grei­fliche begrei­flich zu machen. Richtige Kun­st, erk­lärt er, ist eben doch mehr als geschäftsmäßige Mate­ri­al­be­herrschung und Fin­ger­fer­tigkeit, son­dern hat etwas mit ein­er beson­deren Gabe zu tun, die sich nicht antrainieren lässt. In einem solchen Moment der Reflex­ion weicht die circensis­che Betrieb­samkeit, die die Musik­wet­tbe­werbe kennze­ich­net und die hier atmo­sphärisch konzen­tri­ert einge­fan­gen ist, einen Moment lang dem Innehal­ten. Ein bewe­gen­der Höhep­unkt in einem an großen Emo­tio­nen reichen Film.

Max Nyffeler