Wolfarth, Christian

Acoustic Solo Percussion Vol. 1–4 & Remixes

Verlag/Label: Hiddenbell Records 006/007
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/06 , Seite 86

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 2

Chris­t­ian Wol­far­th, Schüler von Pierre Favre und Bil­ly Brooks in Luzern und Bern, verortet seine musikalis­che Herkun­ft als Schlagzeuger von Rock­bands. Auf der Grund­lage eines akustis­chen Instru­men­tar­i­ums, welch­es er frei von elek­tro­n­is­chen Zusatzgeräten ein­set­zt, gelin­gen ihm außergewöhn­lich dekon­stru­ierte Schlag­w­erk­fig­uren. Im Abstand von drei Jahren, 2009 bis 2011, brachte Wol­far­th vier 7’’-Vinylschallplatten her­aus, die unter dem Rei­hen­na­men acoustic solo per­cus­sion die entwick­lungs­geschichtliche Seite sein­er perkus­siv­en Schlag­w­erkkun­st dokumentierten.
Nun sind erst­mals alle acht Titel auf einem Ton­träger ver­sam­melt: Sky­scrap­ing, Zirr, Elas­tic Stream, Vir­il Vor­tex, Crys­tal Alien, Amber, Cab­in No. 9 und Well Edu­cat­ed Soci­ety. So weit, so doku­men­tarisch gut. Das Beson­dere und Span­nende vol­lzieht sich allerd­ings auf einem zweit­en Sil­ber­ling, der näm­lich Remixe dieser acht Titel von Gün­ter Müller, Joke Lanz, Hans Joachim Irm­ler und Rashad Beck­er enthält. Mit allen vier Kün­stlern hat Chris­t­ian Wol­far­th bere­its früher zusam­mengear­beit­et, was auf zahlre­ichen Ton­trägern doku­men­tiert ist. Im ver­gan­genen Jahr beispiel­sweise erschien die Duo-Vinylplat­te Illu­mi­na­tion (2011) mit Hans Joachim Irm­ler, dem deutschen Elek­tron­ik-Vet­er­an und führen­den Kopf der Rock­band FAUST als CD. Irm­ler bear­beit­ete damals die bei­den Wol­far­th-Titel Crys­tal Alien und Amber zu einem düsteren Szenario aus selb­stre­flek­tieren­den Klangebe­nen, denen er für den Remix Crys­tal Alien einige dur­chaus schmerzen­sre­iche Inter­mezzi besorgte.
In der nun vor­liegen­den konzen­tri­erten Darstel­lungs­form zeigen die acht Stücke einen viel größeren inneren Zusam­men­hang, als sich das anhand der vier einzel­nen Schallplat­ten nach­weisen ließe. Aufeinan­der auf­bauende Momente aus span­nungsre­ichen Perkus­sion­sstruk­turen lassen sich sog­ar als Summe von schein­bar einzel­nen Klangkon­struk­ten erken­nen. Wol­far­ths Spiel des Aus­lotens, Abwä­gens, Durch­denkens, Selek­tierens und Analysierens ver­stärken die Remixe durch eine sys­tem­a­tis­che Erweiterung des Klang­materials, das den schrof­fen, abweisenden Indus­tri­al Sound von Bands wie «Throb­bing Gris­tle» oder «Psy­chic TV» bis hin zu mikro­ton­al sezierten Klang­wieder­hol­un­gen ein­schließt, die sich der min­i­mal­is­tis­chen Musik eines Steve Reich oder eines Ter­ry Riley annähern.
Rashad Beck­er erweit­erte für Well Edu­cat­ed Soci­ety das Instru­men­tar­i­um um ein Bari­ton­sax­o­fon, ein Vio­lon­cel­lo, eine Vio­line und Rück­kop­plungs­geräte. Spätestens hier zeigt sich das akustis­che Mate­r­i­al als kam­mer­musik­tauglich und wand­lungs­fähig. Ein Ver­gle­ich mit Wol­fahrts Orig­i­nal überrascht
insofern, als die Beck­er-Ver­sion die Sound­farbe des Solostücks per­fekt abbildet.
Die konzen­tri­erte Zusam­men­bal­lung der Wol­far­th-Schlag­w­erke ver­schafft dem Hör­er einen kom­plex­en Überblick über die Ursprünge und die möglichen Inter­pre­ta­tio­nen perkus­siv­er, manch­mal sper­riger, manch­mal luftiger Soundvariationen.

Klaus Hübner