Xenakis, Iannis / Ludwig van Beethoven

Alax pour trois ensembles identiques d’instruments

+ Ludwig van Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61

Verlag/Label: Ensemble Modern Medien EMCD-017
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Ein Pult­star, der sich wirkungsvoll selb­st insze­nierte, war Ernest Bour nie, son­dern ein Diri­gent, der die eigene Per­son stets hin­ter die mit Genauigkeit­seifer ver­focht­ene Sache stellte. Bour, 1913 in Thionville geboren, startete seine Kar­riere zunächst in Genf und Stras­bourg, bevor er nach dem Tod von Hans Ros­baud schließlich 1964 die Leitung des Sin­fonieorch­esters des Süd­west­funks Baden-Baden über­nahm. Seine Nei­gung zur zeit­genös­sis­chen Musik kon­nte er dort unter anderem im Rah­men der Donaueschinger Musik­tage ent­fal­ten, wo er cir­ca sechzig Urauf­führun­gen leit­ete.
Eine frucht­bare Zusam­me­nar­beit ergab sich auch mit dem Ensem­ble Mod­ern, welch­es Ernest Bour des öfteren zu gemein­samer Arbeit ein­lud. Zu den ersten Pro­jek­ten gehörte die Real­i­sa­tion von Alax, ein­er von Ian­nis Xenakis geschaf­fe­nen Kom­po­si­tion für drei iden­tisch beset­zte, im Raum verteilte Ensem­bles. Eine Auf­nahme der Urauf­führung, welche im Sep­tem­ber 1985 in Köln stat­tfand, eröffnet die vor­liegende CD. Neben dem Ensem­ble Mod­ern waren zwei weit­ere, heute nicht mehr existierende Musik­erge­mein­schaften an diesem Ereig­nis beteiligt: das Ensem­ble Köln und die aus der DDR angereiste Gruppe neue Musik «Hanns Eisler». Ernest Bour gelang es, die drei Klangkör­p­er so zusam­men­zuschweißen, dass eine faszinierende Raumk­langskulp­tur ent­stand, wie dieses Ton­doku­ment beweist. Die einzel­nen Lin­ien begin­nen zu in sich rotieren­den, fluk­tu­ierende Rän­der aufweisenden Klan­gag­gre­gat­en zu ver­schmelzen, in denen aus den herkömm­lichen Orch­es­terin­stru­menten uner­hörte neue Klangqual­itäten entste­hen.
Die Wiederveröf­fentlichung der dama­li­gen Tonaufze­ich­nung bildet den Beginn ein­er geplanten Edi­tion «Ernst Bour». Gekop­pelt ist Alax auf der ersten CD dieses Pro­jek­ts mit – man höre und staune – Beethovens Vio­linkonz­ert. Dieses Werk aus ein­er den Gehalt der Musik entstel­len­den Auf­führungstra­di­tion zu lösen, war ein Herzen­san­liegen Bours, und das Ensem­ble Mod­ern ließ sich gerne darauf ein, im Sinne der Ideen von Rudolf Kolisch über «Tem­po und Charak­ter» in der Musik Beethovens den Gege­nen­twurf zu wagen. Der auf Carl Czerny zurück­ge­hen­den Tem­poangabe «Vier­tel = 126» für den Kopf­satz fol­gt die vor­liegende Ein­spielung ziem­lich präzise. Vom Marsch­tritt der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion beflügelt zeigt sich Beethovens Musik gegenüber ei­ner eingeschlif­f­e­nen, sen­ti­men­tal-süßlichen Inter­pre­ta­tion­s­ge­wohn­heit wie ver­wan­delt, wobei der damals 25-jährige Geiger Thomas Zehet­mair das forsche Tem­po des Orch­esters mit­ge­ht. Bour treibt seinen Inter­pre­ta­tion­sansatz freilich nicht bis zur Pedan­terie, son­dern gibt dem Solis­ten auch Frei­heit, sich ein­mal aussin­gen zu dür­fen, bevor die Zügel wieder straf­fer ange­zo­gen wer­den. Der tem­por­e­iche Beginn strahlt auf die Folgesätze aus: beson­ders das fol­gende «Larghet­to» darf schlanker ertö­nen als son­st, wo es oft genug als wei­hevolles «Ada­gio reli­gioso» missver­standen wird.

Ger­hard Dietel