Alice Sommer Herz — Everything Is A Present

Verlag/Label: Allegro Films A 11CN D (Vertrieb Naxos)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/04 , Seite 83

«Tell Us About There­sien­stadt» – Alice Som­mer Herz erzählt


«Die Konz­ert fan­den in einem kleinen net­ten Saal statt, auch bei der größten Kälte», erin­nert sich Alice Som­mer Herz, die 1903 in Prag geborene jüdis­che Pianistin, an ihre Zeit in There­sien­stadt. «Ich habe dort über hun­dert Konz­ert gegeben.» Sie und ihr Sohn über­lebten, ihr Mann 1944 wurde abtrans­portiert und ermordet. Über das Schreck­liche – den furcht­baren Hunger, das Elend, die Krankheit­en – will sie nicht sprechen. «Wir Musik­er waren eigentlich gesund», sagt sie. «Wenn wir wussten, dass wir am Abend spie­len, dann waren wir glück­lich. There­sien­stadt war der Beweis für den Zauber der Musik. Es ist eige­nar­tig, wie Musik auf die Seele des Men­schen wirkt.» Der Musiker­beruf sei ein Priv­i­leg: Tag und Nacht sei man erfüllt von der schön­sten Sache, die der Men­sch geschaf­fen habe, der Musik. Der Musik­er lebe in dieser Schön­heit, und sei ihm egal, was um ihn herum passiere. «Wenn wir spie­len durften, waren wir nahe dem Göttlichen.»
Das Gespräch mit Alice Som­mer Herz führte der Filmemach­er Christo­pher Nupen 2001, als sie 98 Jahre alt war, in ihrer Lon­don­er Woh­nung, wo sie übri­gens heute noch lebt. Der Film ent­stand mit ein­fach­sten Mit­teln – ein­fach die Kam­era auf das Gesicht gerichtet, abschnit­tweise aus ein­er anderen Per­spek­tive, und dazwis­chen Auss­chnitte aus der Mond­schein­sonate und einem Schu­bert-Impromp­tu. «Ich spiele jeden Tag zweiein­halb Stun­den Klavier, das ist meine täg­liche Nahrung.» Eine leb­hafte und char­mante alte Dame, die ohne Pathos und mit ein­er unglaublichen Leichtigkeit des Erin­nerns aus ihrem Leben erzählt. Bei Din­gen, die ihr beson­ders nahe gehen, fällt sie vom Englis­chen ins Deutsche.
Es ist eine 54-minütige Lek­tion in Leben­sphiloso­phie aus dem Mund eines Men­schen, der allen Grund zu Ver­bit­terung hätte, aber inner­lich gelöst und glück­lich wirkt. «Ich habe nie gehas­st. In der Bibel ste­ht, dass das Gute und das Böse geschaf­fen wurde. Das eine kann nicht existieren ohne das andere. Die Deutschen sind Hitler nachge­laufen, sie waren damals schlecht. Aber es gab auch viele gute Men­schen darunter. Wir alle sind gut und schlecht.» Es sind ein­fache, aber harte Ein­sicht­en, die uns Heutige beschä­men und die Prob­leme mit Hartz 4 
und Spitzen­s­teuer­satz klitzek­lein erscheinen lassen. «Die Men­schen, die in den Lagern waren, sind oft tol­er­an­ter und verge­bungs­bere­it­er als diejeni­gen, die sich schuldig fühlen.» Auch das ist eine dieser Einsichten.
Der Anti­semitismus Wag­n­ers? «Ich glaube, er war nicht sehr gebildet.» Aber als Kom­pon­ist und Dichter gehört er für sie zu den größten Genies aller Zeit­en – ein Ide­al­ist mit beschränk­tem Wis­sen, aber kein Geis­teskranker wie Hitler: «Dass drei Vier­tel der deutschen Intel­li­genz ihm gefol­gt sind, ver­ste­he ich weniger als ihn selb­st. Er war ein­fach krank.» Auch in There­sien­stadt ließ sie der Gedanke nicht los: «Da habe ich mal die B‑Dur-Sonate von Schu­bert gespielt und gedacht: Wenn der Hitler hier sitzen würde, dann würde er vielle­icht bei diesen zwei Tak­ten weniger has­sen. Bei diesen zwei Tak­ten, die so grandios sind.»
Man kön­nte laufend zitieren aus den tiefen Wahrheit­en der Alice Som­mer Herz. Noch ein­drucksvoller ist es aber, wenn man beobacht­en kann, mit welch­er Dis­tanz und inneren Größe diese kleine und zier­liche Per­son über das Erlebte berichtet. Auf die Frage, was sie aus ihrem Leben gel­ernt habe, antwortet sie: «Dankbar zu sein für alles. Über­lebt zu haben, gesund zu sein, die Sonne zu sehen, ein nettes Wort von jeman­dem zu hören. Alles ist ein Geschenk.» Es ist ein wichtiger Film, den Christo­pher Nupen mit ihr gedreht hat. Auch ihn zu sehen ist ein Geschenk.

Max Nyffeler