American Mystic

Music of Alan Hovhaness

Verlag/Label: Delos DE 3421
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 3

Ein Jahr älter als John Cage, den er um acht Jahre über­lebte, ste­ht Alan Hov­haness für eine andere Ver­sion amerikanis­ch­er Musik des 20. Jahrhun­derts. Während die Aleatorik des ersteren dem Seri­al­is­mus der europäis­chen Nach­kriegsavantgarde die Stirn bot, klingt Hov­haness gle­ichzeit­ig ent­standenes Werk dem ersten Ein­druck nach zuweilen nicht ein­mal spät-, son­dern ganz ein­fach roman­tisch. Doch hin­ter der beliebten Kan­ti­lene des Prayer of St. Gre­go­ry für Trompete und Stre­ich­er von 1946, hin­ter den schlicht­en Lied­for­men etwa der vier Bagatellen für Stre­ichquar­tett op. 30, hin­ter der zweit­en Sym­phonie Mys­te­ri­ous Moun­tain, mit der Leopold Stokows­ki Hov­haness 1955 zur Berühmtheit ver­half, ste­ht noch eine andere Real­ität: die der väter­lich­er­seits armenis­chen Herkun­ft des Kom­pon­is­ten und sein­er Reisen in den Nahen, Mit­tleren und Fer­nen Osten. Das Label Delos hat zu seinem Hun­dert­sten eine gefäl­lige Auswahl aus Hov­haness’ umfan­gre­ichem Werk zusam­mengestellt, die freilich, indem sie ganz auf solche pop­ulären Werke set­zt und für die Inter­pre­ten, das Seat­tle Sym­pho­ny Orches­tra unter der Leitung von Ger­hard Schwarz, das Shang­hai Quar­tet oder die Ohio State Uni­ver­si­ty Band, keine Zeile im Book­let übrig hat, zu einem «Great­est Hits»-Album tendiert.
Was angesichts der Dreik­lang-Har­monien mit gele­gentlich enhar­monis­chen Wen­dun­gen und häu­fi­gen Auflö­sun­gen in reines Dur nicht sofort auf­fällt, ist, dass Hov­haness weniger im klas­sis­chen Sinn mod­uliert als vielmehr die häu­fig pen­ta­tonis­chen oder modalen Melo­di­en – in der Sym­phonie Nr. 2 etwa im Maqam Kurd oder der phry­gis­chen Kirchen­tonart – mit Moll- und Dur-Akko­r­den har­mon­isiert. Was sich eigentlich ein­er anderen Herkun­ft ver­dankt, wird roman­tisiert: Es sind in The Rubaiy­at of Omar Khayyam die gesproch­enen Texte des per­sis­chen Dichters aus dem 11. Jahrhun­dert – ins Englis­che über­set­zt so wie gewis­ser­maßen auch die modalen Skalen –, die den Zuhör­er in eine ferne, ori­en­tal­is­che Welt ver­set­zen. Assozi­a­tio­nen an bali­ne­sis­che Musik weckt auch der Streich­quartettsatz Game­lan in Sosi Style eigentlich erst beim Nach­le­sen des Titels. In der Konz­ert­suite The Flow­er­ing Peach zeigt sich indes, dass es sich nicht um eine exo­tis­tis­che Aneig­nung des Frem­den han­delt, son­dern dass Hov­haness ver­suchte, seine het­ero­ge­nen Anre­gun­gen auf einen eigen­ständi­gen Nen­ner zu brin­gen, wie etwa die ungewöhn­liche Beset­zung zeigt: Die Haup­trol­le spielt ein Sax­o­fon, begleit­et von Klar­inette, Harfe und Perkus­sion. Die nahöstlichen Modi illus­tri­eren das alttes­ta­men­tarische The­ma von Noah und dem Bau der Arche.
In einem freien Sinn roman­tisch ist auch And God Cre­at­ed Great Whales, eine zwölfminütige Kom­po­si­tion, in der das Sin­fonieorch­ester, pas­sagen­weise ad libi­tum Meereswellen illus­tri­erend, Rah­men und Hin­ter­grund für die glis­sandieren­den Rufe eines Buck­el­wals abgibt. Das Orch­ester spielt sozusagen nur «zweite Geige»: ein höchst orig­ineller Umgang mit dem Erhabenen.

Diet­rich Heißen­büt­tel