Wozny, Joanna

as in a mirror, darkly

Verlag/Label: Kairos 0013192 KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 91

Musikalis­che Wer­tung: 3
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Gewiss eignet sich Joan­na Woznys Porträt-CD nicht zum vergnügten abendlichen Hören. Alle fünf Kom­po­si­tio­nen – darunter Kam­mer-, Ensem­ble und Orch­ester­w­erke – sind wenig kom­men­su­rable Gestal­ten, geprägt von Dichte, dynamis­chen Wech­seln und Stim­mungs­brüchen. Konzen­tri­erte sich Wozny lange auf intro­spek­tiv leise Töne, so hat sie nun ganz offen­bar die mikroskopis­che Per­spek­tive geweit­et. Stechende Sforza­ti gehören nun eben­so zu ihrem Vok­ab­u­lar wie mas­sive Klang­bal­lun­gen und durch­drin­gende Perkus­sion-Schläge.
Natür­lich ist Wozny durch ihr Vok­ab­u­lar eben­so wenig zu erk­lären wie Bach durch den Quin­ten­zirkel. Deu­tungs-Alter­na­tiv­en aber stellen sich nicht ein. Woznys Musik gibt kaum Rich­tun­gen vor, nimmt wed­er den Hör­er an die Hand noch den – wie der gute Book­let-Autor Daniel Ender betont – konzen­tri­erten Leser ihrer Par­ti­turen. Gewiss kön­nte das intendiert sein, in dem Sinne, dass Kun­st bess­er Fra­gen aufw­er­fen als beant­worten sollte. Let­ztlich aber scheint es Wozny an klaren Ideen zu man­geln bzw. an klaren Fragestel­lun­gen oder Konzepten. Zu ähn­lich klin­gen fol­glich ihre Werke, die alle­samt einen zer­set­zen­den Auflö­sung­sprozess durch­laufen. Weniger nüchtern for­muliert: Es gelingt der 1973 im pol­nis­chen Zabrze Gebore­nen nicht, eine Span­nung zu hal­ten bzw. die kom­pos­i­torischen Zügel so zu straf­fen, dass die Konzen­tra­tion eine Chance hätte, auf etwas zu fokussieren. Im läng­sten Werk der CD, dem Orch­ester­w­erk Los­es aus dem Jahr 2006, wer­den die Missstände beson­ders deut­lich. Vieles wirkt hier als bloße Beiga­be, vieles ist weit mehr Effekt als Sub­stanz, vieles wirkt stereo­typ. Nach düsteren Blech­bläs­er-Clus­tern kom­men frag­ile Stre­icherver­wis­chun­gen, unter­legt mit perkus­siv­en Effek­ten. Dann wieder scheint sich etwas Neues aufzubauen: Nor­maler­weise dienen eine Span­nung sug­gerierende, irisierende Klangfläche, eine län­gere Stille oder eine Atom­isierung der Instru­mente als Aus­gangs­ba­sis. Doch dann ein­mal mehr Ernüchterung. Von Kon­se­quenz keine Spur. Nichts oder nur sehr wenig wird da in die Hand genom­men.
Gäbe es nicht die anderen Werke der tech­nisch wie inter­pre­ta­torisch so her­vor­ra­gen­den Porträt-CD aus dem bewährten Hause Kairos, so wären Wozny die extrem hohen Anforderun­gen ein­er Orch­esterkom­po­si­tion zugute zu hal­ten. Doch auch in Return für Tenor-Sax­o­fon und Ensem­ble (2006) zeigen sich ähn­liche Schwächen, die nur wenig kaschiert wer­den kön­nen vom Konzept der ger­ingfügi­gen Vari­a­tion von bere­its Vorhan­den­em. Dur­chaus aparte und sophis­tisch geset­zte Klänge lenken nur wenig ab von Prob­le­men ganz grund­sät­zlich­er Natur.

Torsten Möller