Pärt, Arvo

Babel — „und meine Töne in meinem Mund“

Verlag/Label: col legno WWE 1 CD 20427
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/05 , Seite 75

Musikalis­che Wer­tung: 5

Tech­nis­che Wer­tung: 4

Book­let: 3

 

„Glöckchen­spiel und heiliges Staunen“ – so ließe sich der Klangkos­mos des Esten Arvo Pärt umschreiben, der seit Jahrzehn­ten Men­schen jeden Alters, die sich nach spir­itueller Gebor­gen­heit sehnen, in den Bann schlägt. „Engelsmusik klingt schön, aber davon sind wir weit ent­fer­nt. Meine Musik ist die Vor­bere­itung auf einen lan­gen Weg. Man braucht nur den richti­gen Zugang zu den Quellen, wo schon alles gesagt ist.“ Das ist die Botschaft, die Pärt aus Berlin und Tallinn in die Welt sandte.

Auf der Tra­di­tion des ortho­dox­en (byzan­ti­nis­chen) Kirchenge­sangs, der frühen Mehrstim­migkeit, der frankoflämis­chen, römis­chen und venezian­is­chen Schule fußend, ist Pärts Musik wesen­haft vokal. Sie bewegt sich prozes­sion­sar­tig, indem sie das Zen­tralge­stirn des Dreik­langs umkreist oder umläutet.

Mit seinen kindlich-reinen Stim­men sind die Wiltener Sängerkn­aben aus Inns­bruck – ein­er der tra­di­tion­sre­ich­sten und renom­miertesten Knabenchöre Europas, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhun­dert zurück­re­icht – nachger­ade das Medi­um sein­er from­men Muse. Der Chor zählt heute ca. 180 Mit­glieder. Die jüng­sten sind vier oder fünf Jahre alt. Der häu­fige, stimm­bruch- bed­ingte Wech­sel der Stim­men bringt eine laufend­e­V­erän­derung und Erweiterung des Reper­toires mit sich. Schw­er­punkt der Chorar­beit, die der Organ­ist, Sänger, Diri­gent, Kom­pon­ist und Gesangspäd­a­goge Johannes Stech­er seit 1991 mit Hingabe leis­tet, ist die geistliche Chor­lit­er­atur von der Renais­sance bis ins 20. Jahrhun­dert.

Die hier einge­spielte Blüten­lese aus Pärts geistlichem Chorschaf­fen, die in der Johanneskirche Ampass und der Pfar­rkirche Telfs am Inn aufgenom­men wurde, umspan­nt drei Jahrzehnte. Die titel­gebende Psalm­motette An den­Wassern zu Babel saßen

wir und wein­ten (Psalm 137, mit Orgel) ent­stand 1984, zwei Jahre nach Pärts Über­sied­lung in die geteilte Stadt Berlin, wo er den „kleinen, ein­fachen Regeln“ seines (vom ihm so genan­nten) Tintinnab­u­li-Stils nach­hing. Dieser Glöckchen­stil weist zurück auf die altrussis­che Glock­en­musik, welche auf den rus­sisch-ortho­dox­en Kirchenge­sang ein­wirk­te: Denkmal ein­er frühen osteu­ropäis­chen Mehrstim­migkeit um die (erste) Jahrtausendwende – nicht wie im West­en lin­earhor­i­zon­taler, son­dern har­monis­chver­tikaler Natur.

Lei­der erfährt man aus dem Bei­heft wed­er Handw­erk­lich­es noch Kul­turgeschichtlich­es zu Pärts Schaf­fen. Statt dessen liest man poet­is­che Aufze­ich­nun­gen, die der Wiener Lit­er­atin Tere­sa Präauer in den Sinn kamen, als sie den Auf­nah­men mit den Wit­ten­er Sängerkn­aben lauschte („Meine Töne in meinem Mund“). Um das Kind­sein kreisend, rühren sie freilich auf ihre Weise an das Wesen der Musik, das sich hier in engel­hafter Schön­heit offen­bart.

Von dem erwäh­n­ten Psalm, den die Israeliten im baby­lonis­chen Exil beteten, rankt sich das Pro­gramm über das Mag­ni­fi­cat (1989), die Beat­i­tudines („Selig­preisun­gen“ aus der Berg­predigt, 2011) bis zu dem kindlich-schlicht­en, klavier­be­gleit­eten Vater unser (2005/2011). Dazwis­chen erklin­gen u. a. die Antiphon Da pacem Domine (2004/2006), The Deer’s Cry (2007) aus Lor­i­ca of St. Patrick, dem soge­nan­nten Irischen Segen keltischen Ursprungs, und der Lit­tle­more Trac­tus (2000) aus Wis­dom and Inno­cence von John Hen­ry New­man.

Lutz Lesle