Niblock, Phill

Brazil 84

Three Orchids for 3 orchestras | Two by Tom for 2 orchestras

Verlag/Label: DVD, mode records, mode 273
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/04 , Seite 83
«No Melody, No har­mo­ny, No Rhythm, No Bull­shit» – keine Melodie, keine Har­monie, kein Rhyth­mus, kein Scheiß. So beze­ich­nete der Kri­tik­er Tom John­son ein­mal die Musik des amerikanis­chen Kom­pon­is­ten Phill Niblock. Der in New York lebende Kom­pon­ist ist ein Min­i­mal­ist. Seine mas­siv­en Klang­wände beste­hen lediglich aus Tönen, die über einen lan­gen Zeitraum aus­ge­hal­ten wer­den. Phill Niblock kom­poniert Drones – mono­chrome und ver­meintlich unbe­wegliche Klangk­lötze. Sie sind ein­fach da, sie nehmen den Raum ein, sie kön­nten ewig weit­erklin­gen. 
So kom­poniert er seit vie­len Jahren. 1968 begin­nt er Musik zu machen. Niblock, Jahrgang 1933, ist kein aus­ge­bilde­ter Kom­pon­ist, dafür ein Klang-Baumeis­ter, ein akustis­ch­er Fein­mo­torik­er. Für seine Kom­po­si­tio­nen ver­wen­det er Klänge von Sait­en- und Blasin­stru­menten, die er sorgfältig aufn­immt und dann arrang­iert. Um seinen mas­siv­en Sound zu erzeu­gen, schichtet er die aufgenomme­nen Instru­mente am Com­put­er im Stu­dio übere­inan­der. Dabei arbeit­et er mit eng beieinan­der liegen­den Ton­höhen. Aus der Kom­bi­na­tion dieser Töne entste­hen durch die Rei­bung Obertöne, deren Entwick­lung und Aus­bre­itung von der Architek­tur des Konz­ert­saals abhängig ist.
Par­al­lel zu seinem musikalis­chen Œuvre betätigt sich der Kom­pon­ist auch als Filmemach­er, seine kün­st­lerische Lauf­bahn begann er als Fotograf. Brazil 84 ist ein Teil der Film­serie The Move­ment of Peo­ple Work­ing, die Niblock zwis­chen den Jahren 1973 und 1991 bei seinen Wel­treisen auf­nahm, die ihn haupt­säch­lich an nich­teu­ropäis­che Orte führten. Die hier vor­liegen­den Auf­nah­men hat Niblock bei ein­er Brasilien­reise fest­ge­hal­ten. Man sieht Hafe­nar­beit­er, die Holz­boote bauen, Fis­chverkäufer, die ihre Meeresware peni­bel säu­bern, oder Men­schen, die Felder bestellen. Eine Hand­lung gibt es nicht. Es liegt keine tele­ol­o­gis­che Struk­tur vor, die Bilder arbeit­en nicht auf einen Höhep­unkt zu. 
Ganz so wie die Musik. Sie unter­malt die Auf­nah­men lediglich mit mächti­gen Bor­dun­tö­nen, die von einem Orch­ester gespielt wer­den. Es ist eine visuelle Ästhetik der Ein­fach­heit, die Niblock zele­bri­ert. Eine Ästhetik, die wed­er eine ide­ol­o­gis­che Agen­da ver­fol­gt, poli­tisch ist, noch den Autor in den Mit­telpunkt rückt, auch nicht ihre Darsteller:?Bewegt sich ein Arbeit­er aus dem Bild her­aus, wird er nicht vom Auge der Kam­era ver­fol­gt, die zudem auch sel­ten die Köpfe ihrer Pro­tag­o­nis­ten ein­fängt. Und trotz­dem ent­fal­tet sich aus der Fusion von Bild und Ton eine med­i­ta­tive Poet­ik der Bewe­gung, in deren Zen­trum der men­schliche Kör­p­er ste­ht. Ein Kör­p­er, der kinetis­che Energie ent­fal­tet, unter­schiedliche Arbeitsabläufe ver­richtet, die von Niblock in ihren vielfachen Vari­a­tio­nen auf Film doku­men­tiert wer­den. Nicht mehr und nicht weniger. Man sieht, was man sieht, und hört, was man hört. Resul­tat dieser schlicht­en Arbeitsweise sind Bilder und Töne, deren med­i­ta­tiv­er Sog­wirkung man sich nur schw­er entziehen kann.
Raphael Smar­zoch