Rothenberg, David

Bug Music

Verlag/Label: Gruenrekorder Gruen 122 | Terra Nova Music TN 1309 (USA)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

«Die Grille hat­te den ganzen Som­mer gesun­gen», so begin­nt die moral­isierende Fabel von Jean de la Fontaine, der diesem nut­zlosem Treiben die arbeit­same Ameise gegenüber­stellt. Als Musik wurde das Zir­pen der Grillen bere­its in ver­gan­genen Epochen wahrgenom­men. Der Gesang der Zikaden in ein­er Som­mer­nacht bietet bis heute, sofern nicht vom Verkehrslärm übertönt, die beste Gele­gen­heit ein­er räum­lichen Wahrnehmung durch das Ge­hör: Es sind Geräusche, die süchtig machen kön­nen und einem wie der Anblick des Ster­nen­him­mels ein Gefühl der Ein­heit mit der unermess­lichen Natur geben.
David Rothen­berg, der sich auf ähn­liche Weise bere­its mit den Gesän­gen der Vögel und der Wale auseinan­derge­set­zt hat, ist mit seinem Sohn Umru in die Wälder von Vir­ginia gezo­gen, als sich die Zikaden dort wie nur alle 17 Jahre vernehmen ließen: er mit der Klar­inette, der Sohn mit dem iPad. Ein ander­mal begleit­ete ihn der Ober­ton­sänger Tim­o­thy Hill, ein drittes Mal zieht er allein aus und stim­uliert die Zikaden mit einem laut­en «Schh­h­h­hh».
Der Philoso­phiepro­fes­sor und Jazzmusik­er ver­heim­licht nicht seine Fachken­nt­nisse der Ento­molo­gie, über die er ein dazuge­höriges Buch veröf­fentlicht hat. Aber auf der CD geht es um die musikalis­chen Möglichkeit­en, die sich aus der Inter­ak­tion mit dem Klang der Insek­ten ergeben. Er ver­wen­det Auf­nah­men als Sam­ples, bringt mit Hil­fe des befre­un­de­ten Forsch­ers Charles Lind­say die Zikaden dazu, sich auf dem Mikro­fon niederzu­lassen, kon­fron­tiert die unter­schiedlichen Zirp- und Schrapgeräusche mit elek­tro­n­isch erzeugten Dou­bles und sein­er Bassklar­inette. In mehreren Tracks rhyth­misiert er die Klänge der Grillen, Zikaden und Grashüpfer, unter­legt sie mit den rock­i­gen Rhyth­men des E‑Gitarristen Robert Jür­jen­dal oder im let­zten Titel mit einem vor­wärt­streiben­den, kom­plex­en elek­tro­n­is­chen Beat.
Die von den Insek­ten erzeugten Geräusche sind dabei mal Impuls­ge­ber, mal Gegen­stand der Aufmerk­samkeit des Hörens, mal auch ein­fach perkus­siv­er Hin­ter­grund für Rothen­bergs Klar­inet­ten­läufe. Dem Klang der Mara­cas ver­gle­ich­bar, bleibt doch jed­erzeit eine andere Dimen­sion, jen­seits der men­schlichen Sphäre. Es ist nicht so sehr eine wirk­liche Inter­ak­tion zwis­chen Men­sch und Insekt in dem Sinne, dass die Zikaden auf die Klar­inette antworten und umgekehrt. Eher ist es Rothen­berg, der nach Berührungspunk­ten sucht: Die schnar­ren­den Klänge der Bassklar­inette oder des Ober­tonge­sangs resonieren von fern mit den Vibra­tio­nen der Schw­ertschrecke, des gefleck­ten Lang­horn­bocks oder der Maulwurf­s­grille. Die Rhyth­men, welche die Buck­el­grille beim Trom­meln auf Zweige erzeugt, bieten ein Klang­gerüst, wie es sich son­st allen­falls mit elek­tro­n­is­chen Mit­teln her­stellen ließe.
Wiewohl sich die Herange­hensweise von Stück zu Stück ändert, bleibt doch immer ein faszinieren­der, klan­glich reich­er und dif­feren­ziert­er Hin­ter­grund hör­bar, der die Gedanken ein Stück weit hin­aus­trägt in die Weite der Sommernacht.

Diet­rich Heißenbüttel