Gubaidulina, Sofia

Canticle of the Sun

The Lyre of Orpheus / The Canticle of the Sun

Verlag/Label: ECM New Series 2256
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 90

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Zwei berühmte Vir­tu­osen auf Stre­ichin­stru­menten haben jene bei­den Kom­po­si­tio­nen Sofia Gubaiduli­nas inspiri­ert, welche auf der vor­liegen­den CD doku­men­tiert sind. Ein­er der bei­den, der Geiger Gidon Kre­mer, ergriff die Gele­gen­heit, die ihm gewid­mete, 2006 ent­standene Leier des Orpheus für Vio­line, Schlagzeug und Stre­i­chorch­ester selb­st zu inter­pretieren: zusam­men mit der von ihm gegrün­de­ten «Kre­mer­a­ta Balti­ca» beim Lock­en­haus Fes­ti­val 2006. Im Fall von The Can­ti­cle of the Sun, 1997/98 geschaf­fen, ist der Wid­mungsträger, der Cel­list Mstis­law Ros­tropow­itsch, bere­its ver­stor­ben. Seinen Part in diesem Werk für Cel­lo, Kam­mer­chor, Schlagzeug und Celes­ta über­nahm bei ein­er im Jahre 2010 eben­falls während des Lock­en­haus Fes­ti­vals ent­stande­nen Tonauf­nahme Nico­las Alt­staedt, ein Vertreter der jün­geren Cel­lis­ten-Gen­er­a­tion, welch­er sich inten­siv mit zeit­genös­sis­ch­er Musik beschäftigt und unter anderem Werke von Moritz Eggert und Frangis Ali-Sade uraufge­führt hat.
Die Leier des Orpheus ist Teil eines Trip­ty­chons, in welchem Sofia Gubaiduli­na die Struk­tur ihrer Musik aus dem akustis­chen Phänomen der «Dif­feren­ztöne» entwick­elt. Dem Hör­er brauchen die tech­nis­chen Einzel­heit­en der kom­pos­i­torischen Ver­fahrensweisen jedoch nicht bewusst zu sein; er kann sich ganz dem «sinnlichen Scheinen der Idee» über­lassen. Schön­heit, wie sie mit diesen Worten einst Hegel definierte, besitzt das Resul­tat zweifel­los, auch dort, wo die Musik sich kantig zur wuchti­gen Skulp­tur formt. Faszinierend ist es, dass sie wie ein großer Mono­lith wirkt, obwohl der sezierende Ver­stand in ihr gle­icher­maßen Ele­mente der Mod­erne wie des hochro­man­tis­chen Vio­linkonz­erts ent­deck­en kön­nte, Clus­ter­bil­dun­gen und Arbeit­en mit dem Klang an sich neben his­torischen Ein­sprengseln the­ma­tisch-motivis­ch­er Arbeit.
Ihren Son­nenge­sang schrieb Sofia Gubaiduli­na aus Anlass von Mstis­law Ros­tropow­itschs 70. Geburt­stag und huldigte damit einem Musik­er, der «in mein­er Vorstel­lung stets von Sonne, Son­nen­licht und Sonnenen­ergie erhellt ist». Dabei griff sie, was nahe lag, auf den Son­nenge­sang des heili­gen Franziskus zurück, ohne diesen jedoch im engeren Sinn zu ver­to­nen. Respekt und Scheu vor dem «heili­gen Text» ließen es der Kom­pon­istin angemessen erscheinen, die Par­tie des Chors «zurück­hal­tend, ger­adezu unschein­bar zu gestal­ten». Wenn die Sänger nicht ger­ade schillernde und fluk­tu­ierende Klang­flächen erzeu­gen, lassen sie die im orig­i­nalen Ital­ienisch belasse­nen Verse in ein- oder akko­rdisch mehrstim­miger Rez­i­ta­tion ertö­nen. Innere Ruhe und Gelassen­heit ver­strömt dieser Vokalpart, während das Solo­cel­lo in seinen Monolo­gen eine expres­sive Klan­grede anstimmt. Dessen Part wird so zum eigentlichen Movens des Werks und sorgt immer wieder für Reak­tio­nen der Sänger wie auch des Schlagzeugs und der Celes­ta, bevor die Cello­stimme abschließend eine wahre Him­melfahrt vor­führt: mit nur noch zwitsch­ern­den Tönen nach oben entschwebend, son­nen­wärts.

Ger­hard Dietel