Stockhausen, Karlheinz

Complete Early Percussion Works

Verlag/Label: 2 CDs, mode records, mode 274/5
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/04 , Seite 79

Musikalis­che Wer­tung: 5

Tech­nis­che Wer­tung: 5

Book­let: 5

 
Stock­hausens frühe Schlagzeug­musik ent­fal­tet ihren ganz beson­deren Reiz aus der Begeg­nung von strenger Kon­struk­tion und offe­nen Form­ex­per­i­menten, wo der «gelenk­te Zufall» ein gewichtiges Wörtchen mitzure­den hat. Mit welch­er schi­er uner­schöpflichen Fan­tasie Stock­hausen das kreative Span­nungsver­hält­nis von Kom­pon­ist und Inter­pret aus­gelotet hat, offen­bart diese großar­tige Ein­spielung der gesamten frühen Werke mit Schlagzeug­beteili­gung unter Fed­er­führung des amerikanis­chen Perkus­sion­is­ten Steven Schick.
In Refrain (1959) erar­beit­en drei Spiel­er ein stilles, med­i­ta­tives Klangge­füge aus Klavier, Vibraphon, Alm­glock­en und Celes­ta von luzider Schön­heit. Eher düstere Far­ben prä­gen das ganz frühe Schlagtrio von 1952 für Klavier und zwei Pauk­isten; 1974 noch ein­mal über­ar­beit­et, ver­wan­delt sich der serielle Punk­tu­al­is­mus in einen mys­ter­iösen Rit­us mit unter­schwellig pulsieren­den Rhyth­men, als wolle der Seri­al­is­mus plöt­zlich anfan­gen zu tanzen. Schw­erelose Leichtigkeit verkör­pert auch Schicks Inter­pre­ta­tion von Stock­hausens Zyk­­lus (1959) – mit­tler­weile Pflicht­stück für jeden ambi­tion­ierten Solis­ten. 
Die Ambivalenz von Geräusch­farbe und Ton­qual­ität ist Schlagzeugstück­en grund­sät­zlich eingeschrieben; in Stock­hausens elek­tro­n­is­chen Exper­i­menten bekommt diese Zwis­chen­welt zusät­zliche Bedeu­tung. Die hybri­den Klang­land­schaften von Kon­tak­te (1958–60) und Mikro­phonie (1964) bilden in dieser Hin­sicht den absoluten Höhep­unkt dieser Antholo­gie. Steven Schick und James Avery machen aus den «Kon­tak­ten» einen elek­trisieren­den Dia­log mit dem (dig­i­tal neu auf­bere­it­eten) vierkanali­gen Orig­inal­tape, erzeu­gen Momente knis­ternder Span­nung und ver­steck­en das Lärm­poten­zial der Ton­band­schicht dabei keineswegs. 
Hochsen­si­ble Inter­ak­tion find­et sich auch in der atem­ber­aubend gu­ten Gestal­tung von Mikro­phonie durch das Ensem­ble «red fish blue fish». Sechs Akteure machen sich dort an ein­er einzi­gen Klangquelle zu schaf­fen: einem riesi­gen Gong, der damals extra für Stock­hausen ange­fer­tigt wur­de und entwed­er direkt bespielt/
bear­beit­et wird oder als Res­o­nanzkör­p­er für andere Klangerzeuger fun­giert. Es ist schi­er unglaublich, mit welch­er Konzen­tra­tion, Viel­far­bigkeit und Präzi­sion des Miteinan­ders hier auf denkbar eng­stem Raum agiert und welch unge­heuer­lich­es Klangspek­trum aus dem frei schwin­gen­den Met­all her­aus­gek­itzelt wird: tak­tile Mil­lime­ter­ar­beit. Was da per Richt­mikro­fon direkt ins live-elek­tro­n­is­che Ver­ar­beitungs­gerät geht, klingt, als käme es aus ein­er ganzen Fab­rik. 
Par­al­lel zu dieser CD-Veröf­fentlichung ist übri­gens auch eine DVD erschienen, deren Vorzug nicht allein das Bonus­ma­te­r­i­al mit mehreren Inter­views darstellt, son­dern die Tat­sache, dass hier auch der kör­per­liche Aspekt dieser unge­heuer frisch, lebendig und total konzen­tri­ert musizierten Stücke erfahrbar wird!
Dirk Wieschollek