Maderna, Bruno

Complete Works for Orchestra, Vol. 3

Ausstrahlung / Biogramma / Grande Aulodia

Verlag/Label: NEOS 10935
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/03 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 5

Ein raf­finiertes Spiel mit Nähe und Ferne treibt Bruno Mader­na in sein­er 1971 ent­stande­nen Ausstrahlung für Frauen­stimme, Flöte, Oboe, Orch­ester und Ton­band. Klang- und Wortschicht­en unter­schiedlichen Präsen­z­grades fügen sich zu einem Ton-Mobile, bei dem anfangs die vom Kom­pon­is­ten auch son­st so bevorzugten Holzblasin­stru­mente im Vorder­grund ste­hen, während Stre­ich­er für Klang­grundierung sor­gen. Jene gesun­genen oder gesproch­enen Texte, die den Hör­er der Werkidee nach auf eine geistig-lit­er­arische Reise durch den vorderen Ori­ent führen sollen, wer­den wiederum in abgestufter Deut­lichkeit (bis hin zum Ver­schwim­men im Hin­ter­grund) in den aufges­pan­nten Ton­raum inte­gri­ert. Sie entstam­men indis­chen Quellen wie z. B. der Bha­gavad-gita, dem Rig-veda oder per­sis­chen Dich­tun­gen von Omar Khay­yam, Abdal­lah Saa­di sowie Niza­mi Aruzi und wer­den teils in Orig­i­nal­sprache, teils in franzö­sis­chen, englis­chen und deutschen Über­set­zun­gen wiedergegeben. Von einem san­ften Beginn bis zu einem wiederum ruhi­gen Schluss span­nt sich der Bogen in der vor­liegen­den, 2007 ent­stande­nen Auf­nahme mit dem hr-Sin­fonieorch­ester unter Leitung von Arturo Tamayo. Keine nur nachvol­lziehende, son­dern eine aktiv gestal­tende Inter­pre­ta­tion erlebt der Hör­er: wird doch die Gesamt­form durch Wahl der Rei­hen­folge bei den sieben einzel­nen «Ausstrahlun­gen» erst vom Diri­gen­ten bes­timmt, wobei zudem Teile der Par­ti­tur den Spiel­ern Frei­heit­en bei der Aus­führung gewähren.
Ähn­lich­es gilt für das Orch­ester­stück Biogram­ma, in dessen drei Teilen sich äußer­ste Frei­heit der Aus­führung und strenge Deter­mi­na­tion der Musik abwech­seln. Aus­drück­liche Solopar­tien – von eini­gen Monolo­gen des Englis­chhorns abge­se­hen – gibt es in Biogram­ma zwar nicht, doch darf das gesamte Orch­ester so hochd­if­feren­ziert in einzel­nen Klang­grup­pen agieren, dass virtuell jede Stimme zur Solostimme wird. Unruhig schillernd und flack­ernd wirken viele Pas­sagen der Par­ti­tur, doch unter­bricht Mader­na die einzel­nen Erre­gungszustände immer wieder mit Pausen und fügt kon­tem­pla­tive Abschnitte ein.
Die let­zte der hier, in der drit­ten Liefer­ung von Mader­nas Com­plete Works for Orches­tra einge­spiel­ten Kom­po­si­tio­nen ist seine Grande Aulo­dia, 1970 kom­poniert und damit eben­falls Mader­nas «Spätwerk» zurech­nend – wenn man denn diesen meta­ph­ysisch belade­nen Begriff für die Schöp­fun­gen des damals knapp über Fün­fzigjähri­gen ver­wen­den will. Thad­deus Wat­son (Flöte) und Michael Sieg (Oboe) sind die bei­den Solis­ten in dieser konz­er­tan­ten Kom­po­si­tion, die einst im Blick auf die Kün­ste von Sev­eri­no Gazzeloni und Lothar Faber geschrieben wurde. In zahlreichen
lyrischen, entrück­ten Episo­den lässt Mader­na hier seine vom antiken Dop­pel-Aulos inspiri­erte Vision eines uni­versellen, überdi­men­sion­alen Blasin­stru­ments entste­hen, in dessen Aus­drucksmöglichkeit­en und Tim­bre Flöten ver­schieden­er Reg­is­ter­lage mit Oboe und Englis­chhorn verschmelzen.
Ger­hard Dietel