Ruzicka, Peter

Complete Works for String Quartet

Verlag/Label: 2 CDs, NEOS 10822/23
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/03 , Seite 79

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5


Das Schaf­fen von Peter Ruz­ic­ka (*1948) kreist um die Dichter Paul Celan und Friedrich Hölder­lin. Ein­dringlich trans­formiert er auch in sein­er Kam­mer­musik die in deren Tex­ten auf­scheinen­den exis­ten­ziellen Dimen­sio­nen in Klang – wobei er hochex­pres­sive Sphären eben­so aus­lotet wie die Gren­ze zur Stille. Dass seine sämtlichen Stre­ichquar­tette vom Minguet Quar­tett (auf ein­er Dop­pel-CD) einge­spielt wur­den, ist für den Kom­pon­is­ten ein Glücks­fall, denn nur allzu leicht kön­nte das von Selb­stre­flex­io­nen, ja, von beina­he demon­stra­tiv­en Selb­stzweifeln flankierte Insistieren auf die immer gle­ichen Quellen ins Plaka­tive oder in bleierne Schwerblütigkeit ent­gleit­en. Nicht so beim 1988 gegrün­de­ten Minguet Quar­tett, dessen Hochspan­nung und poet­is­che Hingabe einen Platz in der ersten Riege der Quar­tet­tfor­ma­tio­nen recht­fer­ti­gen und das sich neben Peter Ruz­ic­ka vor allem mit Werken von Wolf­gang Rihm und Jörg Wid­mann das Feld der zeit­genös­sis­chen Musik erschließt. 
In chro­nol­o­gis­ch­er Rei­hen­folge wid­met es sich Ruz­ickas Gattungs­beiträgen, die einen Zeitraum von fast vierzig Jahren umfassen. Intro­spezione, sein Stre­ichquar­tett Nr. 1, ist als aufreibende Innen­schau zwis­chen fahlen Klangflächen und grellen Aus­brüchen angelegt. Anre­gen ließ sich Ruz­ic­ka von Erfahrun­gen mit bewusst­sein­ser­weit­ern­den Dro­gen – was ihn indes nicht davon abhielt, mit (teils ver­fremde­ten) Zitat­en weite Bögen zur Musikgeschichte zu span­nen. Seine Zitat­tech­nik gemah­nt zugle­ich an plu­ral­is­tis­che Zeit­er­leb­nisse und zieht sich durch seine Quar­tette. Das Minguet Quar­tett ver­lei­ht Intro­spezione rauschhafte Inten­sität; und die Ansprüche, die es solcher­art im Hin­blick auf Konzen­tra­tion und Aus­druck­skraft for­muliert, erfüllt es auch im Weit­eren: in den … Frag­ment … über­schriebe­nen Fünf Epi­gram­men für Stre­ichquar­tett (1970), die eine schöpferische Reak­tion auf die Nachricht vom Fre­itod Paul Celans darstellen, bis zu Erin­nerung und Vergessen (2008), dem sech­sten und bis dato let­zten Stre­ichquar­tett Ruz­ickas, in dem die Sopranistin Moj­ca Erd­mann als kon­ge­niale Part­ner­in mitwirkt. Ein­be­zo­gen sind zu­dem zwei Sprech­er. Christoph Bantzer spricht Worte von Hugo von Hof­mannsthal und Lud­wig Wittgen­stein u. a., die in …sich ver­lierend (1996) einen musikalis­chen Auflö­sung­sprozess kom­men­tieren und motivieren. Und Peter Ruz­ic­ka selb­st rez­i­tiert zwölf Gedichte aus Paul Celans Zeit­ge­höft, deren ver­schlun­gener Sin­nge­halt ganz bei sich bleibt. Nicht nur, dass diese Gedichte ein beze­ich­nen­des Licht auf Ruz­ickas Inspi­ra­tionsquellen wer­fen, auch bee­in­flussen sie die musikalis­che Wahrnehmung und beflügeln das tiefe Ein­tauchen in jene Werke – Klangschat­ten und … Über ein Ver­schwinden –, die dem Ein­schub in die Welt der Lyrik fol­gen und sub­til mit ihr korrespondieren.

Egbert Hiller