Yun, Isang

concertino / duo / intermezzo / pezzo fantasioso

Verlag/Label: Wergo WER 67162
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/04 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Fünf Sin­fonien, fünf Opern, eine Vielzahl Orch­ester­w­erke – der deutsch-kore­anis­che Kom­pon­ist Isang Yun (1917–95) liebte die große Form und schrieb trotz­dem für die Kam­mer. Er arbeit­ete tra­di­tionell für Stre­ichquar­tett, besaß aber auch eine Antenne für außergewöhn­liche Beset­zun­gen. Vor allem dem Akko­rdeon kon­nte er gestal­ter­ische Ele­mente ent­lock­en, was nicht zulet­zt damit zu tun hat­te, dass er sowohl den europäis­chen wie den asi­atis­chen Klang­wel­ten offen gegenüberstand. 
Zwei Stücke der neuen CD kom­ponierte Isang Yun von vorn­here­in für die Beset­zung mit Akko­rdeon. Das erste, con­certi­no für Akko­rdeon und Stre­ichquar­tett, ent­stand 1983, ein 16 Minuten langes Werk, das das Wag­nis des Exper­i­ments berührt. Die Diskrepanz zwis­chen der Kam­mer­musikin­stru­men­tierung und dem eher ober­fläch­lich­er Musik zugeneigten Ak­kordeon erhält bei Isang Yun den Schlüs­sel zur Aufhe­bung der­sel­ben. Indem er das Akko­rdeon wed­er als Leitin­stru­ment noch als «Anhängsel» definiert, ergeben sich rhyth­mis­che und melodiöse Struk­turen, die durch enorme Dichte und starke solis­tis­che Pas­sagen gekennze­ich­net sind. Hier wird das einzelne Instru­ment zum vir­tu­osen Maßstab, set­zt jedes für sich vielfältige Akzente. 
Auch inter­mez­zo für Vio­lon­cel­lo und Akko­rdeon (1988) schrieb Yun für diese Beset­zung. Es ist ein in sich ver­schachteltes Stück, das den Wech­sel zwis­chen Cel­lo und Akko­rdeon als lei­t­en­dem Instru­ment benutzt, um in ein­er Art Dia­log sich gegen­seit­ig zu inspiri­eren. Wie von ein­er Ver­lock­ung heimge­sucht gestal­tete der Kom­pon­ist ein far­ben­prächtiges Musik­stück mit der vib­ri­eren­den Klang­sprache des Ak­kordeons und den aus tiefen Oktaven auf­tauchen­den gesangsar­ti­gen Melodiebögen.
Duo (1976) und pez­zo fan­ta­sioso (1988) ent­standen ursprünglich für Vio­la und Klavier bzw. für zwei Flöten, Oboen, Klar­inet­ten, Vio­li­nen in beliebi­gen Kom­bi­na­tio­nen plus einem Bassin­stru­ment. Für duo tran­skri­bierte Akko­rdeon­ist Ste­fan Hus­song die Kla­vierstimme für Akko­rdeon, bei pez­zo fan­ta­sioso entsch­ieden sich die Musik­er für die Instru­mente Vio­line, Akko­rdeon und Vio­lon­cel­lo. In duo ste­hen sich die Instru­mente wie Konkur­renten gegenüber, die aber keinen Kampf abliefern, son­dern in ehr­furchts­voller Absicht mal als Kom­men­ta­tor, mal als Antreiber fungieren. Vor allem die ho­hen Ton­la­gen bes­tim­men eine Kom­po­si­tion, die wie ein lyrisches Kaleidos­kop die Fein­heit­en des Klangs erforscht und die zu den überzeu­gend­sten dieser Werkauswahl zählt.
Im Fan­tasi­estück dominiert ein ruhiger Melodiefluss, an dessen Ufern Vio­line und Akko­rdeon auf die Klip­pen des Vio­lon­cel­los reagieren. Isang Yun dämmt immer wieder rechtzeit­ig die hek­tis­che Entwick­lung ein und kehrt zurück zur Ruhep­hase des Beginns. In feinen Inter­vallen man­i­festiert sich hier die europäisch-asi­atis­che Denkweise des Kom­pon­is­ten, der den zarten Klang kore­anis­ch­er Folk­lore und die kom­pro­miss­los-sper­rige neue Musik des West­ens miteinan­der verbindet. «Meine Musik hat wed­er Anfang noch Ende», sagte Isang Yun ein­mal. Genau das kann im pez­zo fan­ta­sioso erfahren werden.

Klaus Hübner