Hartmann, Karl Amadeus

Concerto Funebre

Verlag/Label: Wergo WER 67142
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2009/06 , Seite 80

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 5

 

Dass Karl Amadeus Hart­mann ein­er der bedeu­tend­sten Sin­foniker des 20. Jahrhun­derts war, ist bekan­nt, auch wenn sein sin­fonis­ches Œuvre in der heuti­gen Konz­ert­prax­is sträflich ver­nach­läs­sigt wird. Nicht sehr viel bess­er ste­ht es um die zweitwichtig­ste Gat­tung in Hart­manns Schaf­fen: die der konz­er­tan­ten Musik, welche aber immer­hin einiger­maßen disko­grafisch zugänglich ist. Dazu trägt auch die vor­liegende Neu­veröf­fentlichung mit Auf­nah­men aus den Jahren 2004 und 2007 bei, die zugle­ich einen chrono­logischen Längss­chnitt durch Hart­manns Œuvre legt.
Con­cer­to fune­bre ist sie betitelt und set­zt damit etwas ein­seit­ig den Akzent auf jenes Werk, mit dem Hart­mann im Jahre 1939 ein tönen­des Beken­nt­nis gegen die nation­al­sozial­is­tis­che Dik­tatur ablegte. Das während der inneren Emi­gra­tion des Kom­pon­is­ten ent­standene Werk steckt vom Zitat des alten Hus­si­ten­chorals bis zu dem des rus­sis­chen Arbeit­er­lieds Unsterbliche Opfer voller Anspielun­gen auf das Zeit­geschehen. Ganz angemessen ist es, wenn Ben­jamin Schmid als Solist seinen Part mit großer pathetis­ch­er Geste und roman­tisch-emo­­tion­s­ge­laden­em Ton for­muliert: die schwerblütig elegis­che Trauer­musik des Beginns und den Choralges­tus des Finales, zwis­chen denen ein aggres­sives «Alle­gro di molto» Protest gegen die men­schen­ver­ach­t­ende und kriegstreiberische Poli­tik der Nazis erhebt.
Die nation­al­sozial­is­tis­che Machter­grei­fung muss Hart­mann tief erschüt­tert haben, wie sein Fre­und Max See berichtete: «Als ich 1935 nach München zurück­kehrte, fand ich Hart­mann völ­lig gewan­delt. Aus dem ein­sti­gen musikalis­chen Enfant ter­ri­ble, das sich in Burlesken und Per­si­fla­gen aus­to­bte, war ein Pathetik­er geworden.»
Den früheren, jugendlich-ungestü­men Hart­mann erlebt man auf der vor­liegen­den CD in der Burlesken Musik von 1931, ein­er streng im Rhyth­mus vor­wärts marschieren­den Spiel­musik, die in der Inter­pre­ta­tion durch das SWR-Rund­funko­rch­ester pfif­fig und frech her­auskommt. Mit diesem Werk erweist sich der Hart­mann der 1920er Jahre als Zeit- und Geis­tesgenosse von Straw­in­sky und Hin­demith und zeigt sich zugle­ich von neo­barock­en Ten­den­zen inspiri­ert, indem er auf das alte Mod­ell des Grup­penkonz­erts zurückgreift.
Die bei­den Dop­pel-Konz­erte aus den 1950er Jahren knüpfen im Geist hier wieder an und lassen neuer­lich musikan­tis­che Züge im Vorder­grund ste­hen, obwohl in den langsamen Mit­tel­sätzen auch der «Adagio»-Kom­ponist vernehm­bar wird. Bemerkenswert ist es, wie Hart­mann zwar auf Dis­tanz zu Zwölftönigkeit und ak­tuellem Seri­al­is­mus der Avant­garde bleibt, doch stattdessen auf ein anderes Ver­fahren math­e­ma­tis­ch­er Material­organisation zurück­greift: der von Boris Blach­er entliehenen Tech­nik der «vari­ablen Metren», die eini­gen der Konz­ert­sätze ihr rhyth­mis­ches Pro­fil gibt.

Ger­hard Dietel