Gumpert, Ulrich / Günter Baby Sommer

Das donnernde Leben

Verlag/Label: Intakt Records CD 169
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/02 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 5
 

Machen zwei Musik­er schon eine Band? Im Falle des Duos von Gün­ter «Baby» Som­mer und Ulrich Gumpert gibt es keine Zweifel. Nur mit Schlagzeug und Piano zaubern die bei­den einen mod­er­nen Jazz, der keine Dimen­sion ver­mis­sen lässt. Ihre Musik gle­icht einem dicht­en Geflecht aus Melo­di­en, Stilen, Rhyth­men, Har­monien und Klän­gen und klingt so vielschichtig, als wäre eine Hand­voll Musik­er am Werk. 
Die Jaz­zvet­er­a­nen aus der ehe­ma­li­gen DDR kom­men von weit her. Gumpert hat­te bere­its Anfang der 1960er Jahre erste Jazzer­fahrun­gen in der Dix­ieband «Jenaer Oldtimers» 
gesam­melt, während Som­mer am Schlagzeug Man­fred Krug begleit­ete und Titel wie Der Minirock ein­spielte. 1967 spiel­ten sie erst­mals in der Tanz­com­bo von Klaus Lenz zusam­men. 1973 gaben sie als Duo ihr Schallplat­ten-Debüt, wobei es jet­zt heftiger zur Sache ging. Im West­en macht­en sie sich als Free­jazzer einen Namen. Ihr «Zen­tralquar­tett» wurde zum wichtig­sten Aushängeschild und Export­artikel des DDR-Jazz im Ausland.
Über die Jahre haben sie eine enorme Palette an Aus­drucksmöglichkeit­en entwick­elt, mit denen sie sou­verän ihre eige­nen Kom­po­si­tio­nen und drei Lieder von Wolf Bier­mann ins Szene set­zen. Flink huscht Gün­ter Som­mer mit den Besen über die Felle, bringt mit Klöp­peln ver­schiedene Gongs zum Klin­gen und lässt Met­all­beck­en zis­chen. Der Perkus­sion­ist erweist sich als äußerst sen­si­bler Melodik­er, der wie ein Orch­ester­schlagzeuger fein dosiert die richti­gen Akzente set­zt, egal ob sein Pianopart­ner ger­ade ein paar erdi­ge Hard­bop-Akko­rde anschlägt, sich im Fil­igran­spiel erge­ht oder ins Atonale aus­greift. Gumpert meis­tert sou­verän jede Sit­u­a­tion, set­zt über­raschende Akzente und bril­liert mit orig­inellen Ein­fällen. Dieser Klavier-Gigant aus Berlin hätte seit langem weit mehr Beach­tung verdient. 
Wenig wird in den Kom­po­si­tio­nen dem Zufall über­lassen. Die Free­jazz-Ver­gan­gen­heit der bei­den blitzt nur noch sel­ten auf. So lustvoll und span­nend kann Jazz heute klin­gen, wenn man die Stil-Scheuk­lap­pen ablegt. Eine exzel­lente Ein­spielung, die das enorme Kaliber der bei­den Vir­tu­osen ohne Abstriche zur Gel­tung bringt. So frisch und vor Ideen sprühend spielt heute kaum ein New­com­er. Die bei­den Vet­er­a­nen lassen so manchen Jungstar als Pen­sionär erscheinen.

Christoph Wagner