Papachristopoulos, Ioannis

Das kompositorische Schaffen von Dimitri Terzakis

Stilkritische Untersuchungen und Werkcharakteristik (= Signale aus Köln. Beiträge zur Musik der Zeit, Band 17)

Verlag/Label: Der Apfel, Wien 2011 | 218 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/03 , Seite 93

Wie Analyse zur Ausle­gungskun­st wird, die über das bloße Beschei­d­wis­sen, wie etwas gemacht sei, hin­aus gelangt, indem sie das Weltver­ständ­nis des Kom­pon­is­ten und seine kul­turellen Bindun­gen mit in Betra­cht zieht – das zeigt beispiel­haft die Studie des griechis­chen Musik­wis­senschaftlers Ioan­nis Papachristopou­los, die unter der Obhut des Köl­ner Ordi­nar­ius Christoph von Blum­röder ent­stand. Um der Musik des Griechen Dim­itri Terza­kis gerecht zu wer­den, muss man vielle­icht der byzan­ti­nis­chen Kul­tur­sphäre entsprossen sein.
Der Schrift­steller­sohn kam 1965 nach Deutsch­land, um sein in Athen begonnenes Kom­po­si­tion­sstudi­um bei Bernd Alois Zim­mer­mann in Köln fortzuset­zen. 1968 bis 1994 war er Dozent für Musik­the­o­rie an der Päd­a­gogis­chen Hochschule Köln, par­al­lel lehrte er an der Musikhochschule Rhein­land. 1989 wurde Terza­kis Kom­po­si­tion­spro­fes­sor an der Robert-Schu­mann-Hochschule in Düs­sel­dorf, 1994 bis 2003 wirk­te er in gle­ich­er Funk­tion an der Mendelssohn-Hochschule in Leipzig. In all den Jahren blieb Terza­kis der Musikkul­tur und dem Musik­leben seines Heimat­landes ver­bun­den, förderte den musikalis­chen Nord-Süd-Dia­log und grün­dete sog­ar ein Insti­tut zur Erforschung der Beziehun­gen zwis­chen west­lich­er und südos­teu­ropäis­ch­er Musik.
Während der Schön­berg-Schüler Nikos Skalkot­tas (1904–49) die neu­griechis­che Musik in die Bah­nen der neuen Musik Wes­teu­ropas lenk­te, vol­l­zog Terza­kis eine Gen­er­a­tion später eine Gegen­be­we­gung ad fontes. Auf der Suche nach einem eige­nen Ton­fall besann er sich Ende der 1960er Jahre der über­liefer­ten Musikkul­turen sein­er Heimat. «Auf eine radikale und zugle­ich orig­inelle Weise» fand er Haf­tanker in den ural­ten Tra­di­tio­nen des östlichen Mit­telmeer­raums: der byzan­ti­nis­chen Kirchen­musik und (in gerin­gerem Ma­ße) der griechis­chen Volksmusik. Zu Beginn der Unter­suchun­gen wer­den die «Voraus­set­zun­gen» sein­er wesen­haft ein­stim­mi­gen (mono­pho­nen oder het­ero­pho­nen) Ton­welt gek­lärt. Dabei kom­men auch seine Aufen­thalte in der Mönch­sre­pub­lik auf dem Berg Athos zur Sprache, dem geisti­gen Zen­trum der griechis­chen Ortho­dox­ie. Die Mönche, deren Hym­nenge­sang Terza­kis aus unmit­tel­bar­er Nähe erlebte, zählt er aus­drück­lich zu seinen Musiklehrern.
Danach geht es um die «Anfang­sprinzip­i­en» seines Schaf­fens, die Papachristopou­los nach mate­ri­al­tech­nis­chen bzw. kom­po­si­tion­säs­thetis­chen Kri­te­rien zu sys­tem­a­tisieren ver­sucht (hor­i­zon­tale Dimen­sion, ver­tikale Ebene, rhyth­mis­che Kom­po­nente, Inter­pre­ta­tions- und Gestal­tungs­frei­heit, Klang­farbe). Mikro­tonale Fortschre­itun­gen, so ist zu erfahren, seien gle­ich­sam der kom­pos­i­torische Urstoff von Terza­kis’ Musik.
Den Haupt­teil des Buch­es bilden sodann detail­lierte, mit Noten­beispie­len ver­an­schaulichte Unter­suchun­gen von vier vokalen bzw. vokal-instru­men­tal­en Schlüs­sel­w­erken, die Weg und Wen­depunk­te von Terza­kis’ Schaf­fen bis ca. 1990 markieren: Ikos (1968, Arbeit mit dem Mikrome­los), Ethos B’ (1972, Tetra­chord-gebun­denes Kom­ponieren), Litur­gia pro­fana (1976/77, poly­chordis­che Bil­dun­gen) und Die Tore der Nacht und des Tages (1987, melodis­che Achse und Phase). Die Schluss­be­tra­ch­tung gilt «charak­ter­is­tis­chen Ten­den­zen» seines Œuvres seit 1990. Ein aus­führlich­es Reg­is­ter erschließt den ertra­gre­ichen Band nach Per­so­n­en, Musik­w­erken, Begrif­f­en und Sachen.

Lutz Lesle