Dedalus | Antoine Beuger | Jürg Frey

Verlag/Label: Potlatch P113
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 87

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 2
Book­let: 1

Die Neuer­schei­n­ung des Ensem­bles Dedalus beim franzö­sis­chen Label Pot­latch bringt zusam­men, was zusam­menge­hört: Als unab­hängiges Label hat sich Pot­latch auf die Fah­nen geschrieben, die unter­repräsen­tierte freie Impro­vi­sa­tion­sszene Frankre­ichs zu Gehör zu brin­gen. Das Reper­toire des Spezial­is­ten-Kollek­tivs Dedalus zeugt von ein­er Vor­liebe für die konzep­tionell geprägten Werke in der Tra­di­tion eines John Cage oder La Monte Young, deren teils ausufer­nde Stücke die Gren­ze zur freien Impro­vi­sa­tion wenn nicht ein­reißen, so doch zumin­d­est stark ver­wis­chen. Der Ein­fluss dieser bei­den Vertreter des in stetem Spir­i­tu­al­itätsver­dacht ste­hen­den Flügels der Avant­garde ist in den vor­liegen­den Werken der bei­den Dedalus-Kom­pon­is­ten Antoine Beuger und Jürg Frey deut­lich spür­bar: Hier wie dort ist das Eigentliche unhör­bar und die Musik wird zum bloßen Vehikel zur Erre­ichung ein­er anderen geisti­gen Sphäre, wobei die Nega­tion fokussiert­er Wahrnehmung eine entschei­dende Rolle spielt. Die Musik bildet dor­thin tran­si­tive Plätze, Lieux de Pas­sage, wie es bei Beuger heißt.
Bei den drei Stück­en real­isiert sich fol­glich ein musikalisch radikaler Min­i­mal­is­mus, der nicht etwa mit ein­er Per­pe­tu­ierung sich wieder­holen­der Pat­terns arbeit­et, son­dern jeglich­er Art musikalis­ch­er Para­me­ter eine Absage erteilt: Har­monis­che Ver­läufe wer­den bis an die Gren­ze der Nachvol­lziehbarkeit ver­schleiert, es gibt keine erkennbare Form und auf Melodie wird über­wiegend verzichtet. Stattdessen sind die Ton­be­we­gun­gen in lang aus­ge­hal­te­nen Tönen fast erstar­rt und fügen sich nur lose, über­aus frag­il und zer­brech­lich zu einem ätherischen Ganzen. Alles ist durch enorme Aug­men­tierung aus dem Fokus gerückt, während die Musik­er ihre Instru­mente fil­igran bedi­enen. In die Blasin­stru­mente wird allen­falls gehaucht, die Posaune erzeugt sel­ten mehr als ein unter­schwelliges Brum­men und die zaghaften Einzeltöne der Gitarre erscheinen al und ver­schwinden dal niente. Geräusche erhal­ten Ereignis­charak­ter, wenn sich hier und da eines aus dem heimeli­gen Brum­men, Knarzen und Fiepen her­auss­chält, das nie das piano ver­lässt. In der Tat scheinen sie essen­zieller Bestandteil der Werke zu sein.
Mit der Anci­enne Brasserie Bou­choule wurde ein über­wiegend für Ausstel­lun­gen ver­wen­de­ter Ort für die Auf­nah­men gewählt, der nicht über die Schal­lisolierung eines Konz­ert­saals oder Ton­stu­dios ver­fügt. Mehrmals hört man draußen ein Auto hupen, das Pub­likum hus­tet genüsslich und Motor­räder fahren vor­bei. Die Atmo­sphäre der bei­den Konz­erte vom 27. und 28. April 2012 wird mit­tels Raum­mikro­fo­nen ganz roh und unmit­tel­bar kon­serviert; der Zuhör­er kann daran teil­haben, als wäre er dabei gewesen.
Unter dem mikroskopis­chen Raster der Auf­nah­me­tech­nik ent­fal­tet sich das Flüstern von Beugers Médi­ta­tions poé­tiques sur quelque chose d’autre wie Geheimwis­sen hin­ter vorge­hal­tener Hand, genau­so wie der zart durch einzelne Gitar­ren­töne angedeutete Kanon in Freys Canones Incer­ti, der sich ver­lieren will in den liegen­den Tönen der Bläs­er und der Vio­la. Form bleibt durchge­hend eine blasse Erin­nerung, die im Jet­zt keine Bedeu­tung mehr hat. Und wer der Musik dieser Auf­nah­men ins ver­meintliche Nichts fol­gt, der kann tat­säch­lich Magis­ches finden.

Patrick Klingenschmitt