DEGEM CD 12: Seltene Erden

Elektronische Kompositionen von Brian Smith, Monika Golla, Marc Behrens, Hofmann/Rofalski, Der 2te Freund, Gerald Eckert, Johannes S. Sistermanns, Marcus Beuter, Gerriet K. Sharma, Haarmann, Gerald Fiebig und Michael Harenberg

Verlag/Label: Edition DEGEM ed03
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/04 , Seite 80

Musikalis­che Wer­tung: 4

Tech­nis­che Wer­tung: 4

Book­let: 4

Sel­tene Erden sind Met­alle, Rohstoffe, die in der Pro­duk­tion von Smart­phones, Tablets, Flach­bild­schir­men oder Lap­tops einge­set­zt wer­den, in Hochtech­nolo­gie-Objek­ten also. Ein Leben ohne diese Gad­gets ist im Zeital­ter der omnipräsen­ten Dig­i­tal­isierung mit­tler­weile unvorstell­bar gewor­den. Die vor­liegende Kom­pi­la­tion schwel­gt allerd­ings nicht in unkri­tis­ch­er Bewun­derung des tech­nol­o­gis­chen Fortschritts, son­dern hin­ter­fragt ihn über die Inspek­tion sein­er Pro­duk­tions­be­din­gun­gen, die ver­heerende Auswirkun­gen auf Umwelt und Men­schen­rechte haben. So ist die Stim­mung der ins­ge­samt zwölf Tracks düster, von dun­klen, mono­chromen Klang­far­ben geprägt, die ein dystopis­ches Zukun­fts­gemälde zeich­nen, Leben­sräume mit abge­tra­gen­er Natur und sozialer Ungerechtigkeit beschwören. 
Den Schmerz, der mit dem Ab­bau der sel­te­nen Erden ein­herge­ht, die Lei­den der aus­ge­beuteten Arbeit­er und die Zer­störung ökol­o­gis­ch­er Sys­teme, ver­tont Mar­cus Beuter in seinem gle­ich­nami­gen Stück. Dafür arbeit­et er mit harschen Sounds, erforscht er rauschende Tex­turen und Rück­kop­plun­gen. Mit Feed­back exper­i­men­tiert auch Bri­an Smith, set­zt es aber deut­lich stim­mungsvoller und san­fter ein: lässt es an- und abschwellen und verbindet es mit mensch­lichen und arti­fiziellen Stim­men, die stich­wor­tar­tig von den Prob­le­men und Kon­se­quen­zen bericht­en, die bei der Beschaf­fung der Met­alle auftreten. Feed­back wird hier zu einem Sinnbild für Kon­trol­lver­lust, ein in End­loss­chleifen ver­laufend­er Prozess, der sich niemals voll­ständig beherrschen lässt. Führt die End­loss­chleife des heuti­gen Kon­sumwahns, immer die neuesten tech­nis­che Geräte besitzen zu müssen, auch zu einem Kon­trol­lver­lust?
Der Klangkün­stler Marc Behrens simuliert dig­i­tale und analoge Schürf­prozesse, indem er unter anderem mit abge­tra­ge­nen Klän­gen auf mag­netis­chen Ton­bän­dern exper­i­men­tiert. Die zum Ein­satz kom­menden Sounds sind sehr leise und frag­il, bestechen allerd­ings durch eine klan­gliche Schärfe und einen aus­geprägten Sinn für Details. Es scheint, als höre man hochau­flösenden Mikroskop-Auf­nah­men zu. 
Von der Leere abge­tra­gen­er Land­schaften lässt sich Ger­ald Eck­ert inspiri­eren, eine mor­bide Fasz­i­na­tion, die eine gespen­stis­che Kom­po­si­tion aus Indus­triek­län­gen und elek­tro­n­isch manip­ulierten men­schlichen Stim­men her­vor­bringt. 
Ger­ald Fiebig denkt in For­bid­den Trans­for­ma­tion über die Depen­denz der elek­tro­n­is­chen Musik von den Sel­te­nen Erden nach. Das real­isiert er mit min­i­mal­is­tis­chen Mit­teln und arbeit­et auss­chließlich mit Geräuschen, die beim Ein- und Auss­chal­ten eines Ver­stärk­ers entste­hen. Den Abschluss des zwölften Teils der DE­GEM-Rei­he, die dies­mal von Denise Rit­ter kuratiert wurde, macht Michael Haren­berg mit einem Tor­na­do aus dig­i­tal­en Inter­feren­zen – ein erfrischen­des Ende für eine gelun­gene und zum Nach­denken anre­gende Kom­pi­la­tion.
Raphael Smar­zoch