Nonnenmann, Rainer

Der Gang durch die Klippen

Helmut Lachenmanns Begegnung mit Luigi Nono anhand ihres Briefwechsels und anderer Quellen 1957–1990

Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2013, 480 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/03 , Seite 93

Wer unvor­bere­it­et in der Mitte des Buch­es die Bild­seite ein­er Postkarte mit der Depor­ta­tion von Juden aus dem Warschauer Ghet­to ent­deckt, wird ver­stört nach dem «Sitz» eines solchen Erbär­mde­bildes in der vor­liegen­den Doku­men­ta­tion von Briefen, Wid­mungen, Semes­ter­bericht­en und Vor­trag­s­tex­ten fra­gen. Die Antwort gibt der von der ital­ienis­chen Resisten­za kom­mende Lui­gi Nono selb­st. Mit diesem Karten­gruß näm­lich kon­tert er den zorni­gen Ein­spruch Hel­mut Lachen­manns gegen den Bau der Berlin­er Mauer und die Willkürherrschaft der «bru­tal­en Clique von Pankow». Die von Lachen­mann später als ein «Gang durch die Klip­pen» erfahrene tiefe Fre­und­schaft mit seinem Lehrer ste­ht hier vor ihrer ersten Bewährung­sprobe, die bei­de Kom­pon­is­ten (wie alle späteren Kon­troversen und Zer­würfnisse auch) bestanden haben – mit vie­len Blessuren zwar, doch rück­blick­end im stolzen Bewusst­sein, dass es ein aufrechter Gang war.
Dass und wie es Rain­er Non­nen­mann gelun­gen ist, diese im wörtlichen Sinn «ver­briefte» Fre­und­schaft samt ihrem ständi­gen Wider­spiel von Annäherung und Ent­fer­nung, Tren­nung und Aussöh­nung zur Sprache zu brin­gen, macht dieses Buch zu einem wahren Glücks­fall. Vom durchge­hen­den Rah­mentext des Chro­nis­ten behut­sam begleit­et, spürt der Leser etwas von dem Unver­brüch­lichen, das – über alle Brüche, Ver­stim­mungen und Ver­w­er­fun­gen hin­weg – das Denken und Schaf­fen Nonos und Lachen­manns verbindet. Mit höchst inspiri­erten Notat­en und ana­lytis­chen Kom­mentaren zu den Werken bei­der und zu ihrer Veror­tung in den zent­ralen ästhetis­chen und poli­tis­chen Debat­ten geht eine sen­si­ble Neube­lich­tung der kom­pos­i­torischen Land­schaft nach 1950 ein­her. Die Meta­pher vom «Gang durch die Klip­pen» erhält damit eine zusät­zliche Bedeu­tung, und schon ein Blick auf das Reg­is­ter lässt ahnen, welch­er Radius dabei aus­geschrit­ten wird.
Von Sep­tem­ber 1957 bis zu seinem Tod im Mai 1990 hat Nono über ein­hun­dert Briefe mit Lachen­mann gewech­selt. Sie sind alle­samt Belege für die emi­nente Bedeu­tung Nonos für den kom­pos­i­torischen Werde­gang seines Schülers, sie bezeu­gen aber auch Nonos lebenslanges Suchen als Men­sch und Kün­stler. Sie verdeut­lichen die enge Verknüp­fung von kom­pos­i­torisch­er Prax­is und the­o­retis­ch­er Reflex­ion bei Lachen­mann, und sie geben mit verzehren­der Inten­sität Auskun­ft über so manche Stre­it­punk­te und Dif­feren­zen. «Krach und Funkstille» (R. N.) lassen schließlich den Kon­takt ab 1971 für ein ganzes Jahrzehnt ruhen, bis Lachen­mann ein See­len­morseze­ichen aus Venedig empfängt und es spon­tan erwidert. Es ist wohl die anrührend­ste Pas­sage der gesamten Kor­re­spon­denz (S. 365), bei der man aus­rufen möchte: «Hel­mut, der Wagen bricht!» Doch da ist kein erlöster Prinz weit und bre­it, und der Gang durch die Klip­pen führt auch nicht stracks zum Olymp, wie das ein­drucksvolle Dop­pel­porträt auf dem Umschlag sug­gerieren kön­nte. Wohl aber erfährt der Leser viel Bewe­gen­des und Faszinieren­des über zwei Fre­unde, die sich nichts geschenkt und doch alles gegeben haben. Sie sind – mit den Worten Arnold Schön­bergs, die dem II. Kapi­tel als Mot­to vor­angestellt sind – mehr als Hal­bgöt­ter, näm­lich Vollmenschen.

Peter Becker