Hindrichs, Gunnar

Die Autonomie des Klangs

Eine Philosophie der Musik

Verlag/Label: Suhrkamp, Berlin 2013, 272 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/04 , Seite 92

Seit Jahrtausenden beißen sich Philosophen die Zähne an der Musik aus – an dieser selt­samen Zeitkun­st, die so schw­er zu fassen ist, die an ein­er Krankheit lei­det, die man vom Men­schen ken­nt und die als Autismus bekan­nt ist. Musik entzieht sich, wenn man ihr zu nahe kommt. Sie gle­icht dem Pud­ding, der nicht an die Wand zu nageln ist.
Gun­nar Hin­drichs, den 42-jähri­gen Pro­fes­sor für Philoso­phie an der Uni­ver­sität Basel, beein­druckt all das nicht. Er ist kein Psy­chologe, dafür aber geschult an Meta­physik wie am speku­la­tiv­en Denken, hat Musik­wis­senschaft betrieben inklu­sive ein­er Auseinan­der­set­zung mit Theodor W. Adorno. Was er nun in Die Autonomie des Klangs ver­sucht, ist nicht weniger als eine Klärung grundle­gen­der Fra­gen: Was macht das musikalis­che Kunst­werk aus? Und: Worin kann eine Ontolo­gie der Musik beste­hen, also ihre umfassende Seins­bes­tim­mung?
So etwas liest sich nicht wie ein Witz in der BILD. Hin­drichs set­zt die Ken­nt­nis von Adornos Mate­ri­al­be­griff eben­so voraus wie Hel­mut Lachen­manns ästhetis­che Schriften und maßge­bliche Entwick­lun­gen der Musikgeschichte vom 13. Jahrhun­dert bis zur Jet­ztzeit. Es gelingt Hin­drichs tat­säch­lich, all dies schlüs­sig zu kom­binieren. Das ver­dankt sich ein­er unbe­d­ingten Konzen­tra­tion auf seine Aus­gangs­fra­gen sowie ein­er ho­hen Abstrak­tions­fähigkeit. In 252 Para­graphen und sechs Kapiteln durch­schre­it­et er grundle­gende Aspek­te von Musik: Das musikalis­che Mate­r­i­al kommt mod­i­fiziert zur Sprache; vom musikalis­chen Klang geht es über musikalis­che Zeit und Raum hin zum musikalis­chen Sinn und zum musikalis­chen Gedanken.
Solch Ele­mentares kann nicht ohne Rei­bungsver­luste, ohne Exk­lu­sion von­stat­ten gehen. Noten­beispiele gibt es keine, eben­so wenig konkrete Werk­bezüge. Wenn sich Hin­drichs auf die Musikgeschichte bezieht, geschieht es meist in Form über­greifend­er Ter­mi­ni, die den pro­gres­siv Gesin­nten ver­rat­en. Musique con­crète, Neuer Konzep­tu­al­is­mus, Musique spec­trale sowie Lachen­manns Musique con­crète instru­men­tale – all das kommt vor, wobei das diesen Erschei­n­un­gen zugrunde liegende geräuschlastige «Mate­r­i­al» doch sichtlich in Rei­bung gerät zu den gebilde­ten Kat­e­gorien. Im Sinne sein­er ontol­o­gis­chen Bes­tim­mung muss Hin­drichs das in Kauf nehmen. Er leugnet das nicht, unter­schei­det da­bei zwis­chen Denken über Musik und Denken in Musik.
Die imma­nente Seins­bes­tim­mung des musikalis­chen Kunst­werks berührt sich mit Ideen absoluter Mu­sik. Hin­drichs schließt außereu­ropäis­che wie funk­tionale Musik eben­so aus wie musik­sozi­ol­o­gis­che oder mu­sikethnografische Fra­gen, denen er unüberse­hbar skep­tisch gegenüber­ste­ht. Seinen Ver­di­enst min­dert das nicht. Nach der Lek­türe hört man Musik anders. Hin­drichs kühl ana­lytis­ch­er Blick wird wärmer in der direk­ten Begeg­nung mit Klin­gen­dem. Allein dadurch ist einiges gewon­nen!

Torsten Möller