Schafer, R. Murray

Die Ordnung der Klänge

Eine Kulturgeschichte des Hörens

Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 92

Es fällt nicht leicht, die Gedanken des kanadis­chen Klang­forsch­ers R. Mur­ray Schafer auf einen Nen­ner zu brin­gen. Sein Ansatz erin­nert an Nor­bert Elias’ weg­weisenden Prozess der Zivil­i­sa­tion und an Claude Lévi-Strauss eth­nol­o­gis­chen Struk­tu­ral­is­mus. So ver­di­ent die grundle­gen­den Unter­suchun­gen dieser bei­den sind, so ver­di­ent hat sich auch Mur­ray Schafer mit seinem 1977 erst­mals erschiene­nen Tun­ing of the World gemacht, das nun – von Sabine Bre­it­same­ter über­set­zt – erst­mals auf Deutsch in ein­er gründlich lek­to­ri­erten Über­set­zung vorliegt.
33 Jahre sind viel. Zu Recht ver­weist Bre­it­same­ter in ihrem konzis ein­führen­den Essay auf mit­tler­weile abwegige The­sen. Mur­ray Schafers Kri­tik an der Uni­for­mität von Tele­fon-Klin­geltö­nen kon­nte kaum drastis­ch­er wider­legt wer­den als durch das heutige Ange­bot. Obso­let, wie eine Vari­ante von Theodor W. Adornos sys­temkri­tis­ch­er Musik­sozi­olo­gie, liest sich auch die Ver­dammung der Pop­musik; dass sie durch ihre Omnipräsenz und über­mäßige Laut­stärke den Hör­er im Dien­ste des Kom­merziellen instru­men­tal­isiere, ja sog­ar das Gehör phys­i­ol­o­gisch schädi­ge, ist über­trieben, unter­schätzt die Autonomie des Men­schen, der ja nicht unbe­d­ingt in den Club gehen muss.
Mur­ray Schafers Ord­nung der Klänge ist ein kurzweiliges Buch. Abwech­slungsre­ich geht es zu, mehr in die Bre­ite als in die Tiefe. Über die Charak­ter­is­tik von Naturlaut­en, von Geräuschen der «postin­dus­triellen Ära» oder denen der «elek­trischen Rev­o­lu­tion« ist einiges Wis­senswerte zu erfahren. Zen­tral ist für Mur­ray Schafer der Begriff der «Sound­scape«. Er ver­ste­ht ihn weniger als imma­nent kün­st­lerischen Begriff – grund­sät­zlich spielt die Kun­st gegenüber dem All­t­ag eine unter­ge­ord­nete Rolle –, son­dern vor allem als eine Art «Hör­porträt» bes­timmter ländlich­er oder städtis­ch­er Sit­u­a­tio­nen oder gle­ich ganz­er Zeital­ter. Span­nend lesen sich die Annäherun­gen an das «Klang­bild» ein­er Stadt des 14. Jahrhun­derts, etwa in Form von Beschrei­bun­gen der Kirchen­glock­en. Mit bewun­dern­swert­er Akri­bie hat Mur­ray Schafer unter­schiedlich­ste Quellen benutzt. Berichte des Kom­pon­is­ten Johann Friedrich Reichardt über Bet­tler in Paris ste­hen neben der Kri­tik des Erfind­ers der Rechen­mas­chine, Charles Bab­bage, an den vie­len städtis­chen Lär­mquellen, die ihm ein «Vier­tel der Arbeit­skraft» raubten.
Mur­ray Schafers Stärke liegt in der Sen­si­bil­isierung des Ohrs, die eine große Rolle spielt in seinem Bemühen um eine bewusstere Gestal­tung der «Sound­scapes» unser­er Zeit. Weniger überzeu­gen seine Fol­gerun­gen und Analy­sen. Wenn das Aufkom­men des Alber­ti-Bass­es und von Osti­na­to-Effek­ten mit dem der Postkutsche erk­lärt wird, mag man das noch naserümpfend hin­nehmen. Bringt Mur­ray Schafer aber das Geräusch des Ver­bren­nungsmo­tors mit dem Furz in Verbindung, da «sich der Heck­aus­puff des Autos am sel­ben Ort wie das Rek­tum bei Tieren» befind­et, sind Zweifel an der eigen­willi­gen «anthro­posoziomusikol­o­gis­chen» Analyse ange­bracht. «Lei­he ihm sein Ohr, nicht aber Herz und Ver­stand», schrieb Tho­mas Mann einst über Friedrich Niet­zsche. Gle­ich­es gilt für Mur­ray Schafer, dessen über­aus frucht­bare Ansätze grund­legenderer und konzen­tri­ert­er Analy­sen bedürfen.
Torsten Möller