Erich Wolfgang Korngold

Die tote Stadt

Inszenierung von Pier Luigi Pizzi / 148 min.

Verlag/Label: Dynamic 33625
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/06 , Seite 80

Totenkult in der Stadt Brügge: ein nekro­man­tis­ch­er Lieb­haber vor dem Altar seines Begehrens, eine Geliebte, die aus dem Bild her­ab­steigt und sich sein­er Träume bemächtigt, ein Mit­ter­nachts­bal­lett untot­er Non­nen. Was heute die Goth­ic-Szene entzück­en würde, brachte der Zem­lin­sky-Schüler Erich Wolf­gang Korn­gold 1920 als Opern­stoff auf die Bühne und errang damit einen durch­schla­gen­den Erfolg. Sein Dreiak­ter Die tote Stadt nach der Nov­el­le Bruges-la-Morte des bel­gis­chen Sym­bol­is­ten Georges Roden­bach wurde in kurz­er Zeit von dreißig inter­na­tionalen Büh­nen nachge­spielt. Der von Mahler hoch gelobte Kom­pon­ist kon­nte diesen Erfolg allerd­ings nicht mehr wieder­holen. In den USA, wohin er 1934 emi­gri­erte, set­zte er dafür später Maßstäbe als sin­fonis­ch­er Kom­pon­ist für das Hollywood-Kino.
Der Erfolg der Toten Stadt war ein­er­seits der üppig auf­blühen­den Musik zu ver­danken, ein­er glänzen­den Mis­chung von Strauss’scher Orch­esterkun­st, melodis­ch­er Geschmei­digkeit à la Puc­ci­ni und ein ganz klein wenig Operette. Ander­er­seits traf das Werk, das auch dra­matur­gisch gekon­nt gebaut ist, den Nerv der Zeit. Indem der unglück­selige Paul, der sein ganzes Leben sein­er ver­stor­be­nen Geliebten gewid­met hat, sich am Schluss von seinem Totenkult lösen kann und Ja zum Leben sagt, wurde er zu ein­er Pro­jek­tions­fig­ur für ein Pub­likum, das nach dem ver­heeren­den Krieg auf einen gesellschaftlich-kul­turellen Neuan­fang hoffte. Der opern­hafte Auf­bruch geschah allerd­ings im Zeichen eines ver­gan­genen Denkmusters – im Sieg der dies­seit­i­gen Kun­stre­li­gion über christliche Leibfeindlichkeit und ver­weste wil­helminis­che Moral­grund­sätze schim­mert deut­lich der späte Niet­zsche durch.
Obwohl das Werk ein­er ver­gan­genen Zeit­prob­lematik ver­haftet ist, ver­mag es auch heute noch fes­seln, zumal wenn es auf so überzeu­gende Weise auf die Bühne gebracht wird wie in der Pro­duk­tion des Teatro La Fenice Venedig von 2009. Die Insze­nierung von Pier Lui­gi Pizzi bün­delt das Geschehen zu ein­er klar struk­turi­erten, aber atmo­sphärisch dicht­en Bilder­folge; das aus weni­gen Ele­menten gebaute Ein­heits­büh­nen­bild erweist sich in sein­er Vari­abil­ität als äußerst prak­tik­a­bel und filmgerecht. Unter der Leitung von Eli­ahu Inbal kommt auch musikalisch eine sehr ansprechende Auf­führung zus­tande, und mit kleinen Abstrichen sind die Solis­ten ihrer schwieri­gen Auf­gabe gut gewachsen.

Max Nyffeler