Jodlowski, Pierre

Drones

Verlag/Label: Kairos 0013032 KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 85

Musikalische Wertung: 5
Technische Wertung: 5
Booklet: 3

Titel machen Karriere. Daher macht es Sinn, vorweg mit einem möglichen Missverständnis aufzuräumen. Mit Drones, weithin definiert als lang gehaltene Basstöne, hat die Musik des Franzosen Pierre Jodlowski zumindest auf seiner Porträt-CD wenig bis nichts zu tun. In dem gleichnamigen Stück für 15 Instrumente gibt es gänzlich Gegensätzliches: hektische Klavier­figurationen in Perpetuum-Mobile-Manier, eine dialogisch antwortende Geige und ein dominant agierendes, in der Rockmusik gebräuchliches Percussion Set. Von Drones keine Spur, ebenso wenig übrigens wie von einer in Frankreich traditionell wirkungsmächtigen sophistischen Klangerkundung im Sinne der Musique spectrale. Ausgesprochen energetisch ist Jodlowskis Musik. Markante Beats treiben das Geschehen voran, aber auch in ruhigeren Passagen herrscht Spannung pur. Zur zeitgemäßen Energie gesellt sich Welthaltigkeit.
In «Barbarismes» für Ensemble und Elektronik gebieten Einspielungen der abstrakten Musik Einhalt, ohne ihr etwas völlig Konträres entgegenzusetzen. Mit feinem Gespür kombiniert Jodlowski Wassergeräusche, Soldatenmärsche oder Glockenschläge mit instrumentalen Klangfarben. Ähnlich sensibel ist «Dialog» für Flöte und Elektronik angelegt. Irisierend sphärische Klänge sind hier eng mit Sprachfetzen verzahnt, später kommen organische Amalgamierungen von Singstimme, Flöte und Elektronik hinzu. Auch rein solistische Passagen kommen vor, in denen die fantastische Flötistin des Ensemble intercontemporain ihre stupenden Fähigkeiten entfaltet.
Martin Kaltenecker beschreibt die Musik Pierre Jodlowskis unter vier Aspekten: dem der Geste, der Energie, des Klangs und Geräuschs und dem des Bildes. «Eine Geste wird wiedererkannt, sofort erfasst, und sie ist in dieser Hinsicht immer ‹sym-pathisch›, das heißt, sie erweckt Übereinstimmung.» Trotz des etwas gewundenen Booklet-Texts hat Kaltenecker mit dieser Zeile Wesentliches erfasst: Jodlowskis Musik ist kunstvoll. Sie wirkt natürlich, aufrichtig, nicht erzwungen, nicht gewollt. Das Ensemble intercontemporain bringt die Selbstverständlichkeit der keinesfalls unkomplizierten Musik zum besten Ausdruck. Die technische Produktion aus dem Hause IRCAM lässt nichts zu wünschen übrig. Auf musikalischer Seite also Höchstnoten, die das Booklet leider verwehrt. Schmerzlich vermisst man zum Beispiel Angaben zu den Entstehungsjahren der Werke.

Torsten Möller