Milan Kundera

Eine Begegnung

Aus dem Französischen von Uli Aumüller

Verlag/Label: Hanser, München 2011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/06 , Seite 94

Das lit­er­arische Schaf­fen des seit 1975 in Frankre­ich leben­den tschechisch-franzö­sis­chen Romanciers Milan Kun­dera ist ohne Musik undenkbar. Bei der Lek­türe sein­er Romane Der Scherz, Das Buch vom Lachen und vom Vergessen, Die Unsterblichkeit sowie sein­er Essaysamm­lun­gen Die Kun­st des Romans und Ver­ratene Ver­mächt­nisse kom­men Musik­in­ter­essierte auf ihre Kosten. Kun­dera pflegt zu beto­nen, seine Büch­er wür­den nicht geschrieben, son­dern kom­poniert. Auch seinen neuesten Essay­band Eine Begeg­nung hat Kun­dera musikalisch aufge­baut: in Form ein­er neun­teili­gen Kom­po­si­tion. In Beethovens Klavier­son­at­en op. 106 und op. 110 ent­deckt er den Traum von ein­er großen Syn­these der gesamten europäis­chen Musik, den später Straw­in­sky und Schön­berg erfüllten.
Als erfahren­er Musikkri­tik­er geht Kun­dera auf schw­er­wiegende poli­tis­che The­men ein: Ein­er­seits kämpfe man dafür, dass Mörder nicht vergessen wer­den, ander­er­seits solle das größte Denkmal, das die Musik dem Holo­caust geset­zt hat, näm­lich Arnold Schön­bergs Ora­to­ri­um Ein Über­leben­der aus Warschau, in Vergessen­heit ger­at­en. Die rus­sis­che Inva­sion 1968, als die Tsche­choslowakei «von ein­er anderen Zivil­i­sa­tion ver­schluckt wurde», bleibt für Kun­dera im Zusam­men­hang mit «bru­taler» Musik von Ian­nis Xenakis weit­er­hin aktuell. Seine Dis­tanzierung von Tschaikowskys kitschiger rus­sis­ch­er Sen­ti­men­tal­ität ist bekan­nt. Da Sen­ti­men­tal­ität nichts anderes bedeute als einen «der Bru­tal­ität aufge­set­zten Über­bau», ist die «lär­mende Welt» in den Kom­po­si­tio­nen von Xenakis für Kun­dera «Schön­heit» gewor­den: «die vom affek­tiv­en Schmutz reinge­wasch­ene, von der sen­ti­men­tal­en Bar­barei freie Schönheit».
Milan Kun­dera, 1929 in der mit Leoš Janácek eng ver­bun­de­nen mährischen Stadt Brno (Tsche­choslowakei) geboren, Sohn des Musik­wis­senschaftlers, Pianis­ten und eines der wichtig­sten Inter­pre­ten von Janáceks Klavier­w­erken Lud­vík Kun­dera (1891–1971), beschäftigte sich bis zu seinem 25. Leben­s­jahr mehr mit Musik als mit Lit­er­atur. Das Kom­ponieren hat ihm der 1944 im KZ There­sien­stadt ums Leben gekommene Pavel Haas beige­bracht, ein­er der besten Schüler von Janácek. Die wichtig­ste «Begeg­nung» find­et mit Leoš Janácek selb­st statt. Dessen Oper Das schlaue Füch­slein rückt Kun­dera ins richtige Licht als «die nos­tal­gis­chste aller Opern». In seinem vor eini­gen Jahren im Pro­gramm der Paris­er Oper erschiene­nen Essay macht Kun­dera uns darauf aufmerk­sam, dass der Über­set­zer von Janáceks Libret­ti ins Deutsche, Max Brod, ver­suchte, Janácek zu kitschi­gen Umschrei­bun­gen sein­er Oper zu überre­den. Janácek gab nicht nach. Die weni­gen Inter­pre­ten im Aus­land, die bere­it waren, dies zu respek­tieren, sind nach Kun­dera die Diri­gen­ten Sir Charles Mack­er­ras und Pierre Boulez, das Alban Berg Quar­tett und der Pianist Alain Planes.
Es ist empfehlenswert, Kun­deras Buch in der autorisierten franzö­sis­chen Orig­i­nal­fas­sung zu lesen (Une ren­con­tre, Edi­tions Gal­li­mard, Paris 2009). Allerd­ings trägt die deutschsprachige Aus­gabe dazu bei, dass Kun­dera nicht nur als Autor des welt­berühmten und ver­filmten Romans Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins betra­chtet wird, son­dern auch als Musik­wis­senschaftler, wie es in Frankre­ich und in den USA der Fall ist.

Aleš Knapp Kis