Adams, John

El niño

Verlag/Label: Arthaus 101 669 | 147 min.
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/06 , Seite 77

Peter Sel­l­ars ist ein Regis­seur, der sich schon mehrfach für Werke mit religiösem Hin­ter­grund stark gemacht hat, ange­fan­gen bei der Insze­nierung von Mes­si­aens St. François d’Assise 1992 in Salzburg bis hin zu Tschaikowskys Iolan­ta 2012 in Madrid. Zusam­men mit John Adams hat er auch das Libret­to zu dessen Büh­nen­stück El niño ver­fasst und das Werk am Paris­er Théâtre du Châtelet inszeniert.
Das The­ma von El niño ist die Wei­h­nachts­geschichte von der Verkündi­gung bis zur Flucht nach Ägypten. Adams und Sel­l­ars machen daraus eine Mis­chung aus Oper und geistlichem Spiel mit starken filmis­chen Anteilen. Das macht einen außeror­dentlich durch­dacht­en Ein­druck und ist attrak­tiv für die Wahrnehmung. Doch die Darstel­lung des Stoffs weckt gemis­chte Gefüh­le. Ist es Kitsch auf sehr hohem Niveau oder der mutige und in den besten Momenten dur­chaus ernst zu nehmende Ver­such, das in unser­er are­ligiösen Gegen­wart schw­er zu ver­mit­tel­nde Wun­der von der Men­schw­er­dung Christi mit den heuti­gen, geheimnis­losen Mit­teln und Darstel­lungs­for­men nachzuerzählen?
In der Aufze­ich­nung, die 2000 im Paris­er Châtelet-The­ater ent­stand, ist bei­des reich­lich vorhan­den. Einiges wirkt wie eine filmisch zubere­it­ete Erweck­ungs­botschaft amerikanis­ch­er Evan­ge­likaler, und der Schluss, der dra­matur­gisch durch­hängt, weckt mit seinem Kinderge­sang und der Baum- und Wasser­sym­bo­l­ik, real­is­tisch ver­schnit­ten mit einem Video von der schlafend­en Mut­ter mit Kind hin­ter ein­er ver­reg­neten Autoscheibe, Erin­nerun­gen an kali­for­nische New-Age-Roman­tik aus alten Hip­pie-Tagen. Doch was Werk und Insze­nierung, die hier eine enge Verbindung ein­gehen, auf eine diskus­sion­swürdi­ge Ebene hebt, ist die unbe­stre­it­bare Pro­fes­sion­al­ität, mit der Adams und Sel­l­ars ihr Gemein­schaftswerk geplant und aus­gear­beit­et ha­ben. Mit eige­nen und frem­den Tex­ten aus der Bibel über Hilde­gard von Bin­gen bis zur Nobel­preisträgerin Gabriela Mis­tral und zur mexikanis­chen Fem­i­nistin Rosario Castel­lanos haben sie eine Erzäh­lung kon­stru­iert, die durch Brüche kun­stvoll gegliedert ist. Die Büh­nen­darsteller von Maria und Josef treten aus ihren Rollen immer wieder hin­aus und wer­den zu Erzäh­lern ihrer eige­nen Geschichte. Die Rollen sind außer­dem auf mehrere Schaus­piel­er aufgeteilt, die teils auf der Bühne, teils stumm im Film oder als Tänz­er agieren. Ein Ensem­ble von drei Sängern fungiert als eine Art Evan­ge­list; die Inter­pre­ten dieser schwieri­gen Dreifach­par­tie sind Mit­glieder des von Paul Hilli­er geleit­eten Ensem­bles The­atre of Voic­es. Abstrak­te Bildsym­bo­l­ik, All­t­agsszenen und opern­hafte Sit­u­a­tio­nen wer­den ineinan­dergeschnit­ten, Tanzein­la­gen und Video­pro­jek­tio­nen erweit­ern die The­ater­re­al­ität zum Multimedia-Kunstwerk.
Das alles ist tech­nisch auf höch­stem Niveau ange­siedelt und präzis aufeinan­der abges­timmt. Für die DVD-Fas­sung sind Büh­ne­naufze­ich­nung und Videozus­pielun­gen neu zusam­men­mon­tiert wor­den, sodass eine gen­uine Bild­schir­mver­sion ent­standen ist. Das sta­bile Fun­da­ment zum Geschehen liefert Adams’ Musik. Sie ist wand­lungs­fähig und stets szenen­be­zo­gen, ohne in vorder­gründi­gen Illus­tra­tionis­mus abzu­gleit­en. Ihre Büh­nen­wirk­samkeit wird von den her­vor­ra­gen­den Inter­pre­ten nach­haltig bestätigt. Der Gesamtein­druck dieser merk­würdi­gen Wei­h­nachts­geschichte bleibt indes ambivalent.

Max Nyffeler