extended piano

Verlag/Label: HCR Huddersfield HCR01CD
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/06 , Seite 87

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Das Klavier, oder bess­er der Flügel als Perkus­sion­sin­stru­ment: Schläge auf den Kor­pus lassen den großen Re­sonanzraum erklin­gen, erwirken eine Art akustis­ches Dop­pel­bild des zunächst tönen­den, eher dumpfen Schlages; ges­teuert durch Ped­al, Inten­sität der Schläge und Kürze der Abfol­gen. Erst im let­zten Teil des elfminüti­gen Stücks greift der Pianist in die Tas­ten, erin­nert qua­si daran, dass das Klavier doch eigentlich das Akko­rd- und Vir­tu­os­enin­stru­ment schlechthin ist.
Nicht nur Ben­jamin Lang wider­set­zt sich in seinem Stück ABDucens­parese der Tra­di­tion der (tech­nis­chen) Vir­tu­osität; auch den anderen auf dieser CD ver­sam­melten Stück­en für Kla­vier und zuweilen Zus­pielung oder Live-Elek­tron­ik liegt die Suche zugrunde, das Instru­ment neu zu befra­gen, neu zu denken. Sebas­t­ian Berweck ist ein Pianist, der tech­nis­che Vir­tu­osität sehr wohl beherrscht, der jedoch mehr möchte, als diese zu zeigen. Er zählt zu den Ini­tia­toren zahlre­ich­er Kom­po­si­tio­nen, stets der Frage nachge­hend, was Zeitgenossen­schaft für das Klavier­spiel bedeuten kann, wobei er oft genug auch als Per­former, nicht nur als Inter­pret agiert.
Fünf Antworten hat Sebas­t­ian Berweck hier zusam­mengestellt. In all diesen Stück­en wirkt der Pianist eher als Koop­er­a­tionspart­ner des Instru­ments denn als sein Domp­teur. Impulse des Pianis­ten dienen oft dazu, ganze Ket­ten­reak­tio­nen anzutrig­gern: etwa die Schläge gegen den Kor­pus bei Ben­jamin Lang oder das Aufle­gen eines E-Bows oder das Repetieren eines Tons bei James Saun­ders. Saun­ders nimmt diese kurzen Ton­rep­e­ti­tio­nen mit­tels Dik­tierg­erät, also low-tech, auf, spielt sie in unter­schiedlichen Abspielgeschwindigkeit­en, mithin Ton­höhen wieder zu. Die Zus­pielung erset­zt qua­si den Vir­tu­osen, füllt den Ambi­tus des Instru­ments. Das Rauschen des Geräts durch­bricht zusät­zlich die Strenge der wohltem­perierten Stim­mung.
Low-tech als Gegen­pol zum pianis­tis­chen Vir­tu­osen­tum auch in Thomas Wenks Stück Recor­dame aus dem Jahr 1999. Ein sim­pler Kas­set­ten­reko­rder nimmt auf, spielt zu, der Pianist bedi­ent die klack­enden Tas­ten, rhyth­misch präzise als erweit­erte Tas­tatur im Spiel. Johannes Krei­dler ver­wen­det Zus­pielun­gen, die den Klavier­am­bi­tus zum Teil erweit­ern, zum Teil fremde Klänge bein­hal­ten. Auch er ver­wis­cht gele­gentlich die Gren­ze zwis­chen Live-Spiel und Zus­pielung, bet­tet das Klavier in einen Gesamtk­lang ein, statt es tra­di­tionell zum Haup­tak­teur zu machen.
Michael Maier­hof schließlich ist ein Exper­i­men­ta­tor. Sein Ziel war es, nicht nur das Klang­far­ben­spek­trum des Klaviers zu erweit­ern, son­dern ganz gezielt ver­schiedene Obter­ton­spek­tren her­auszuar­beit­en. split­ting heißt seine Werkrei­he für Soloin­stru­mente, denen solche Exper­i­mente zugrunde liegen. Aufges­pal­tet wird ein Klavier­ton jew­eils mith­il­fe eines E-Bows und resonieren­der Glaskugeln. Das Stück selb­st ist kein Exper­i­ment mit ungewis­sem Aus­gang mehr, son­dern sein Ergeb­nis: Präzise notiert, klan­glich pointiert lenken Kom­pon­ist und Pianist das Ohren­merk auf einzelne Klangspek­tren.

Nina Polaschegg