Harada, Keiko

F-Fragments

Verlag/Label: Wergo WER 67862
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/03 , Seite 79

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

In jüng­ster Zeit entste­hen immer häu­figer Kom­po­si­tio­nen, in die das Akko­rdeon nicht nur inte­gri­ert ist, son­dern in denen es auch mit solis­tis­chen Funk­tio­nen bedacht wird. Längst hat die zeit­genös­sis­che Musik ent­deckt, dass das son­st meist mit Volksmusik assozi­ierte Instru­ment sowohl facetten­re­iche Klang­far­ben als auch präg­nante rhyth­mis­che Impulse beis­teuern kann.
Auch die Werke der japanis­chen Kom­pon­istin Keiko Hara­da zie­len auf die sub­tilen Klang­möglichkeit­en des Akko­rdeons. Sowohl solis­tisch als auch gemein­sam mit der japanis­chen Pianistin Yumiko Meguri nahm der deutsche Akko­rdeon­ist Ste­fan Hus­song zwei Zyklen von Keiko Hara­da auf, die alle gängi­gen Klangk­lis­chees des Instru­ments vergessen lassen. Zu­mal Hara­da im solis­tis­chen Book I und in ihrem Duo F-frag­ments ganz bewusst Klanggesten und Aus­drucks­for­men ver­wen­det, die Akko­rdeon­istIn­nen son­st eher sel­ten abver­langt wer­den.
Das vier­sätzige Book I für Akko­rdeon solo (2010) ist nach Bone+ (1999) das zweite Stück, das die 1968 in Tokyo geborene und nach ihren Stu­di­en an der To¯ho¯-Gakuen-Musikhochschule auch bei Bri­an Fer­ney­hough aus­ge­bildete Japaner­in für Akko­rdeon schrieb. Und es birgt enorme tech­nis­che Schwierigkeit­en: gle­ich­sam geflüsterte Pas­sagen in vor­bei­huschen­dem Tem­po, die jedoch im schnellen Lega­to phrasiert wer­den müssen. Im zweit­en der vier Stücke, «Sprin­kled Efforts», ist der Solist auch als Vokalper­former gefordert und muss zu abrupten Bewe­gun­gen des Bal­gs expres­sive Zis­chlaute ausstoßen. Und doch bleibt, dank ein­er wohlüber­legten Dra­maturgie, auch ein Ein­druck von inner­er Ruhe haften, der vor allem dem zen­tralen drit­ten Satz, «Antic­i­pa­tion», zu danken ist.
Ähn­lich­es gilt auch für Haradas über dreißig­minütiges Duo F-frag­ments für Akko­rdeon und Klavier aus dem Jahr 2012. Den getra­ge­nen Klavier­akko­r­den des erstes Satzes «Twin Leaves» merkt man es zunächst gar nicht an, dass ihnen lang ange­hal­tene, fast wie elek­tro­n­is­che Sounds wirk­enden Klänge des Akko­rdeons untergemis­cht wer­den, bis diese eine markante, jedoch stets in feinem Mis­chver­hält­nis mit dem Klavier bleibende Eigen­dy­namik gewin­nen. Präg­nant ist etwa auch der vierte Satz, «Fall Time Blues», der stärk­er auf die Kon­traste der bei­den Instru­mente set­zt, wie auch das fol­gende «Ver­ti­cal». Während das Klavier ganz kurz artikulierte, harte Stac­cati spie­len muss, haucht das Akko­rdeon lange Pianis­si­mo-Töne im höch­sten Diskant. In «Ver­ti­cal» wer­den wiederum pianis­tis­che Prinzip­i­en reizvoll auf das Akko­rdeon über­tra­gen. Doch auch F-frag­ments besitzt ganz stille Momente, wie etwa das nüchtern mit «no title» über­schriebene Finale des Duos, in dem sich die bei­den Instru­mente wie schw­ere­los in ver­schiede­nen Tak­tarten bewe­gen.
Ergänzt wer­den die bei­den span­nen­den Akko­rdeon­stücke durch das Klavier­so­lo Nach Bach, in das zahlre­iche andere Hom­ma­gen etwa an Le Cor­busier oder Bri­an Fer­ney­hough eingeschrieben sind. Mit Yumiko Meguri und Ste­fan Hus­song besitzt diese in Japan aufgenommene CD sehr fein­füh­lige und klan­gori­en­tierte Inter­pre­ten.
Rein­hard Kager