Pauly, Gerhard

Farben und Klänge

Begegnungen mit Kunstwerken des 20. Jahrhunderts. Musik und Malerei im Vergleich

Verlag/Label: Gepa, Saarbrücken 2008
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2009/06 , Seite 91

«Les par­fums, les couleurs et les sons se répon­dent», sang Baude­laire 1857 in seinem Sonett Cor­re­spon­dances. Robert Schu­mann glaubte schon 1833: «Die Ästhetik der einen Kun­st ist die der andern; nur das Mate­r­i­al ist ver­schieden.» Obwohl das Mate­r­i­al je eigene Forderun­gen stellt, ver­sucht­en Kün­stler seit Jahrhun­derten die Kün­ste zu ver­schwis­tern. Im 20. Jahrhun­dert ver­fließen ihre Gren­zen vol­lends. Während Hen­ri Matisse Jazz-Rhyth­men ausstanzte und Piet Mon­dri­an Boo­gie-Woo­gie und Fox­trott in geometrische Farb­muster über­set­zte, suchte der Bach-Spiel­er Paul Klee der Malerei die ersehnte Dimen­sion der Zeit zu erschließen. Siehe sein Aquarell Polyphon gefasstes Weiß. 
Hin­weise auf der­lei The­men­hin­ter­gründe – wie über­haupt auf die ver­wick­elte Beziehungs­geschichte von Musik, Malerei und Plas­tik – ver­misst man in dem ein­lei­t­en­den Auf­satz, den der Musik- und Kun­st­päd­a­goge Ger­hard Pauly seinem anre­gen­den, mit far­bigen Bild­wieder­gaben tre­f­flich aus­ges­tat­teten Band voranstellt. Ein Buch, das den min­is­teriellen Vor­gaben «ästhetis­ch­er Erziehung» ent­ge­genkommt, indem es in je 18 Werk­analy­sen und Bild­be­tra­ch­tun­gen musikalis­che und malerische Kor­re­spon­den­zen zwis­chen zeit­nah ent­stande­nen «Meis­ter­w­erken» des 20. Jahrhun­derts herausarbeitet.
Manche Äußerun­gen Paulys sind allerd­ings mit Vor­sicht zu genießen. Wenn es z. B. auf Seite 12 heißt: «Bere­its seit den sechziger Jahren kam es zu Über­schnei­dun­gen zwis­chen den Kün­sten», und dann von Com­put­er und Videotech­nik die Rede ist, die neue Kun­st­for­men ermöglicht­en, so wäre daran zu erin­nern, dass Alexan­der Skr­jabin schon 1911 für seine Tondich­tung Prometheus ein Far­ben­klavier verlangte. 
Unter­schiedlich überzeu­gend auch Paulys Stil­ver­gle­iche. Der «Ein­klang mit der Natur» in Mon­ets Frau mit Son­nen­schirm und Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune wirkt sin­n­fäl­liger als die «Beschwörung des Geis­tigen» in Kandin­skys Unbe­nan­nter Impro­vi­sa­tion IV und Schön­bergs Orch­ester­stück­en op. 16 (dessen Mon­odram Erwartung scheint mir Kandin­skys Far­bklang-Psy­cholo­gie näher ste­hend). Und lassen sich Pen­dereck­is Geräuschkom­po­si­tion Anakla­sis und Emilio Vedovas Lein­wand Zusam­men­prall gegen­sät­zlich­er Sit­u­a­tio­nen wirk­lich unter dem Sam­mel­be­griff «Aleatorik» abheften? Unscharf auch das Ken­nwort «All­t­agsspiegelung», das Pauly zum ter­tium com­pa­ra­tio­nis zwis­chen Pop-Music und Pop-Art, dem Bea­t­les-Song Yes­ter­day und Roy Licht­en­steins Comic­strip Der Klang der Musik erhebt. Straw­in­skys Le sacre du print­emps, den er Emil Noldes Kerzen­tänz­erin­nen gegenüber­stellt, ließe sich – angesichts der Sch­ablo­nen­tech­nik im Sacre – eben­so gut mit Picas­sos Kle­be­bild Flasche, Glas und Geige ver­gle­ichen (bei­de 1913).

Lutz Lesle