Demuth, Marion / Jörn Peter Hiekel (Hg.)

Freiräume und Spannungsfelder

Reflexionen zur Musik heute

Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/04 , Seite 99

«was tun? was jet­zt? was hat noch kein­er kom­poniert? welche mark­t­nis­che ist ungenutzt? was ist sub­stanziell und zukun­ft­strächtig oder auch nur der trend? wohin will oder soll die neue musik?» So fragt Math­ias Spahlinger – freilich in par­o­dis­tis­ch­er Affir­ma­tion der Bedürfnisse bürg­er­lich­er Musik-Kul­tur – in seinem Essay «dies ist die zeit der konzep­tiv­en ide­olo­gien nicht mehr», der nach neuen Sprach­möglichkeit­en ein­er in die Jahre gekomme­nen «neuen Musik» in Anknüp­fung an alte Avant­garde-Tugen­den sucht. Zumin­d­est let­ztere der zitierten Fra­gen ist – wenn auch oft unaus­ge­sprochen – aus dieser ertra­gre­ichen Veröf­fentlichung immer wieder her­auszule­sen. Schließlich nahm das Kol­lo­qui­um «Freiräume und Span­nungs­felder» im Rah­men der 20. Dres­d­ner Tage der zeit­genös­sis­chen Musik die ver­wor­rene Sit­u­a­tion der Gegen­wartsmusik ins Visi­er, als Koop­er­a­tion vom Europäis­chen Zen­trum der Kün­ste Heller­au und dem Insti­tut für neue Musik der Hochschule für Musik Dresden.
Quo vadis neue Musik zwis­chen «any­thing goes» und ästhetis­ch­er Rel­e­vanz, kün­st­lerischem Anspruch und sozialer Real­ität (= Kom­merzial­isierung bzw. Mar­gin­al­isierung)? Natür­lich kann und darf es keine eindi­men­sion­ale Antwort auf diese Frage geben. Deshalb enthält diese Pub­lika­tion denn auch aus­gewiesen­er­maßen «Reflex­io­nen» (und nicht etwa «Posi­tio­nen») und öffnet eher assozia­tiv denn verbindlich ein ide­ol­o­gisch (weit­ge­hend) freigeräumtes «Span­nungs­feld», dessen unter­schiedliche Betra­ch­tungsweisen der «Neuen Unüber­sichtlichkeit» ihres Gegen­stands in nichts nach­ste­hen: Texte zwis­chen ana­lytis­ch­er Erörterung, grim­miger Polemik und konkreter Pro­jek­tbeschrei­bung, für die (Musik-) Wis­senschaftler eben­so ver­ant­wortlich zeich­nen wie Kom­pon­is­ten und Regisseure.
Damit die immer­hin 18 gän­zlich unter­schiedlichen Erfahrung­shor­i­zon­ten entsprin­gen­den Beiträge nicht vol­lkom­men aneinan­der vor­bei­t­ex­ten, ha­ben Mar­i­on Demuth und Jörn Peter Hiekel aus der (gewoll­ten) Vielfalt der Ansätze drei größere the­ma­tis­che Bün­del zusam­mengeschnürt. Als kom­plexe «Sit­u­a­tions­beschrei­bung» wird ein­lei­t­end das gegen­wär­tige Dilem­ma der neuen Musik im Antag­o­nis­mus von totaler Frei­heit und gesellschaftlich­er Instru­men­tal­isierung erörtert, nimmt man alle Beiträge zusam­men, dur­chaus sug­ges­tiv und anre­gend. Beson­ders erwäh­nenswert hier die kri­tis­che Bestand­sauf­nahme von Rain­er Non­nen­mann («Die Ästhetik des Anäs­thetis­chen»), der einen erfrischend kri­tis­chen Blick auf den Betrieb wirft, und zwar auf den Neue Musik-Betrieb und seine monadis­chen Struk­turen. Zen­traler Gedanke: «Musik ist keine der Gesellschaft enthobene Son­der­sphäre, son­dern ein aus­geze­ich­netes Medi­um der in- und exten­siv­en Welt- und Selb­ster­fahrung.» Deshalb müsse die Gegen­wartsmusik raus aus der Nis­che und Chan­cen für Dif­ferenz-Erfahrun­gen bieten, wobei auch das Defiz­itäre und «Anäs­thetis­che» neue Räume erschließen kann.
Ein gesteigertes Maß an Selb­stre­flex­iv­ität auf der einen, vielschichtig ver­link­te Beziehun­gen zu außer­musikalis­chen Wirk­lichkeit­en in Form von Gesellschaft­skri­tik, Insti­tu­tio­nenkri­tik und Werkkri­tik auf der anderen Seite sind die aus zahlre­ichen Beiträ­gen her­auszule­senden Forderun­gen, um hüben wie drüben Wahrnehmung zu sen­si­bil­isieren und Musik als Kun­st ins 21. Jahrhun­dert zu trans­portieren. Dies wird in Spahlingers Plä­doy­er für ein Kom­ponieren als per­ma­nente Arbeit am ästhetis­chen Bewusst­sein eben­so deut­lich wie in Har­ry Lehmanns Blick auf «Die Avant­garde als Nullpunkt der Mod­erne». Ein Beispiel dafür, wie es funk­tion­ieren kön­nte, ist Clemens Gaden­stät­ter, der in «Seman­ti­cal Inves­ti­ga­tions» die Tür zu sein­er kom­pos­i­torischen Werk­statt weit auf­macht und sein Kom­ponieren vor allem auf eine trans­for­ma­tive Bear­beitung von Klang-Sig­nalen grün­det, um durch die «Sub­lim­ierung des Gebräuch­lichen» erleb­bare Inkon­gruen­zen zu schaf­fen, die neue Wahrnehmungsräume und Bedeu­tungs­felder erschließen. Sehr auf­schlussre­ich auch Mar­tin Kalte­neck­ers (Rück-) Blick auf den franzö­sis­chen Spek­tral­is­mus und seinen momen­tan inter­es­san­testen «Nach­fahren»: Hugues Dufourt.
Dass die außereu­ropäis­che Musik eine frucht­bare Inspi­ra­tionsquelle sein kann, um zu neuen Sprach­for­men jen­seits von Avant­garde und Post­mod­erne zu gelan­gen, wusste schon Györ­gy Ligeti – heutzu­tage eine all­ge­gen­wär­tige und manch­mal leicht­fer­tige kom­pos­i­torische Strate­gie. Dementsprechend unter­schiedlich sind unter der Rubrik «Pas­sagen zwis­chen den Kul­turen» denn auch die Denkan­sätze und Bew­er­tun­gen zum The­ma. Während Chris­t­ian Utz in der Analyse exem­plar­isch­er Werke sys­tem­a­tisch ver­sucht, ver­schiedene Meth­o­d­en und Diskurse interkul­turellen Kom­ponierens aufzuzeigen (und dabei über­raschen­der­weise weniger auf Ver­schmelzung denn Kon­fronta­tion set­zt!), schwadroniert Max Nyf­fel­er in «Der Reiz des Fremd­gehens» mit teil­weise schw­er erträg­lichen Pauschal­isierun­gen und zweifel­haftem Vok­ab­u­lar gegen die Ver­lockungen der Fremde und beklagt dabei fehlen­des europäis­ches Selb­st­be­wusst­sein als notwendi­ge Voraus­set­zung für einen frucht­baren Dia­log der Kulturen.
Der dritte große The­men­block wid­met sich der Bühne als Ort inter­diszi­plinär­er Inno­va­tion. Unter dem Mot­to «Erfahrungs- und Ent­fal­tungsräume im Neuen Musik­the­ater» fragt Mark Andre nach dem Begriff des dra­matur­gis­chen Raums, stellt Regine Elzen­heimer aus­gewählte (Ver-) Störun­gen des Musik­the­aters vor, gibt Christa Brüs­tle Auskun­ft über Bewe­gungs­for­men im instru­men­tal­en The­ater und Katrin Stöck ganz konkret Ein­blick in die Konzepte und Real­i­sa­tion­sprob­leme von Innen­räume, ein­er Kollek­ti­var­beit von fünf Kom­pon­is­ten, die im Rah­men der Tagung in Heller­au uraufge­führt wurde. Raum — Kör­per­lichkeit — Ent­gren­zung: ein ästhetis­ches Span­nungs­feld, das Mar­tin Zenck anhand einiger Arbeit­en von Sasha Waltz (Dido and Aeneas, Kör­p­er, noBody) mit beson­der­er Präg­nanz erörtert.
Dirk Wieschollek