Gjertsen, R. S.

Grains

Verlag/Label: 3dB Records, 3dB 007
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 84

Musikalis­che Wer­tung: 3
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 1

«Flu­ente» – auf dem Cov­er sind der Titel, Inter­pret und Auf­nahme­da­tum mit guten Augen ger­ade noch zu erken­nen. Darüber hin­aus geizt die CD mit Zusatz­in­for­ma­tio­nen, der Hörein­druck muss genü­gen… Kaum ein anderes Instru­ment eignet sich so sehr wie das Vio­lon­cel­lo für naht­lose Übergänge, nicht nur in der Ton­höhe, son­dern auch zwis­chen ver­schiede­nen Klangfär­bun­gen bis hin zum Geräusch. Und wer wäre bess­er geeignet, diesen ständi­gen Fluss bis in alle Verzwei­gun­gen zum Klin­gen zu brin­gen als Friedrich Gauw­erky?
Wer zuhört, erfährt einen großen Reich­tum chang­ieren­der Klang­far­ben, von Kratz-, Schab-, Klopf- und Klap­perg­eräuschen bis hin zum fein auss­chwin­gen­den Fla­geo­lett, dem sogle­ich unweiger­lich die näch­ste Attacke fol­gt. Das Med­i­ta­tive ist in der Tat nicht Ruben Sverre Gjert­sens Sache. Die Ein­sätze kom­men abrupt, als woll­ten sie den Hör­er immer wieder auf­schreck­en und ihn daran hin­dern, sich im Gewohn­ten auszu­ruhen.
Auf Dauer wirkt dies freilich eher anstren­gend, zumal alle fünf Stücke auf der CD dem­sel­ben Prinzip fol­gen. Min­destens ein Stre­ichin­stru­ment ist jedes Mal dabei: Dass ein Stück endet und das näch­ste begin­nt, zeigt sich vor allem am Wech­sel der Klang­far­ben. Auf das Cel­lo fol­gen in «Con­tra­dic­tion» Vio­line, Bassklar­inette und Horn, wobei Gjert­sen dur­chaus mit Kon­trasten arbeit­et: Vom run­den, manch­mal scharf ange­blase­nen Klang des Wald­horns hebt sich die Vio­line eben­so ab wie das ober­ton­re­iche Gurgeln der Bassklar­inette. Im «Duo for vio­la and con­tra­bass» kehrt er zurück zur reinen Stre­icherbe­set­zung. In «tReM­bLiNg» für 14 Musik­er erklingt das Schnalzen der Sait­en aufs Griff­brett zu ein­er Sopranstimme und Flöten­läufen; Glis­san­di und Fla­geo­lett kon­trastieren mit Holzbläs­er-Tremoli, dem The­a­ter­don­ner der Pauken, nach­drück­lichen Blech­bläsern und ätherischen Beck­en­klän­gen.
Das abschließende, titel­gebende «Grains» erweit­ert das Klangspek­trum der Bratsche auf der einen Seite um schep­pernde Schlagzeug-Geräusche, auf der anderen um zartere Har­fen­töne. Ganz gegen die Gewohn­heit kom­men auch die tiefen Sait­en der Harfe, entsprechend prä­pari­ert, kräftig zum Schnar­ren, während der anfängliche Elan über Pausen und zarte Pianis­si­mo-Pas­sagen allmäh­lich abklingt. So sehr aber die Klang­far­ben der Instru­mente sich auch gegenei­nander abheben: Gjert­sen set­zt die Instru­mente nicht als poly­fones Geflecht ver­schieden­er, getren­nter Stim­men, son­dern in hoher Verdich­tung zu einzel­nen mas­siv­en Blöck­en ein­er aus­d­if­feren­zierten, aber in sich geschlosse­nen klan­glichen Präsenz zusam­men – wie eine Skulp­tur aus Geräuschen und Klän­gen. Aus Zusam­men­spiel und Kon­trast entste­ht ein einziger klan­glich­er Fluss: eine Klang­far­ben­melodie, die weit über das hin­aus­ge­ht, was Arnold Schön­berg sich unter diesem Begriff vorstellte, wenn auch Gjert­sen das ständi­ge Gegen-den-Strich-Bürsten der instru­men­tal­en Klang­far­ben gewiss nicht von Grund auf neu erfun­den hat.

Diet­rich Heißen­büt­tel