Graewe, Georg

grubenklang.reloaded 2010

Verlag/Label: Random Acoustics Berlin 2011, 120 Seiten plus DVD
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 92

Obwohl «das GKO für mich ein längst abgeschlossenes Kapi­tel mein­er Geschichte» war, schreibt der Kom­pon­ist und Pianist Georg Graewe im Vor­wort zur Doku­men­ta­tion grubenklang.reloaded 2010, machte sich in sein­er Brust ein wenig Stolz bemerk­bar, als er ein­ge­laden wurde, zum Kul­turhaupt­stadt­jahr 2010 sein 1982 gegrün­detes Ensem­ble zu reak­tivieren. Zwar führte die bis zu 13 Köpfe zäh­lende For­ma­tion im Na­men einen Hin­weis auf eine program­matische Aus­rich­tung des Klangkör­pers. Das Gruben­klang Orch­ester war jedoch niemals in einem Berg­w­erk, d. h. unter Tage, als Klangkör­p­er aktiv. Bei Tages­licht bese­hen und im Strahl der Büh­nen­schein­wer­fer: es leis­tete zehn Jahre lang einen bedeu­ten­den Beitrag zur Entwick­lung exper­i­mentell kom­poniert­er, frei impro­visiert­er Musik; in der Lebens- und kün­st­lerischen Pla­nung des Georg Graewe spielte es nach sein­er Auflö­sung 1993 jedoch keine Rolle mehr.
«Doch nach und nach begann ich, mir Bedin­gun­gen und Modal­itäten vorzustellen, unter denen ich das Pro­jekt durch­führen kön­nte», heißt es mit den Worten Graewes in der her­vor­ra­gend gemacht­en Doku­men­ta­tion, die nun in ein­er lim­i­tierten Auflage von ein­tausend Stück in Form eines Kat­a­logs mit beigelegter DVD erschienen ist. Zwei Eck­punk­te kristallisierten sich her­aus: Es sollte kein «Jaz­zd­ing» wer­den, und zum Zweit­en soll­ten unter dem Dach des Gruben­klang Orch­esters auch andere Kün­stler ihre eige­nen Beiträge präsen­tieren. Die Doku­men­ta­tion grubenklang.reloaded bildet eine Rezep­tion in Wort, Bild und Ton, die das mehrmonatige Pro­jekt auch als eine Entwick­lung in der sich wan­del­nden Real­ität des Ruhrge­bi­ets zeigt, die nicht nur im schwinden­den Berg­bau zu sehen ist, son­dern damit ein­herge­hend auch in ein­er verän­derten Kul­tur­land­schaft. Dass damals, vor fast dreißig Jahren, Kun­st- und Kul­turschaf­fende diese Region bere­its als Metro­pole, als einen melt­ing pot – wie Tom The­len im Beitrag «Gruben­klang – Musik zur Zeit» bemerkt – gese­hen haben, ist ganz im Sinne des Kom­pon­is­ten Graewe wiedergegeben.
Während des Kul­turhaupt­stadt­jahres 2010 gestal­tete Graewe mit dem Gruben­klang Orch­ester 27 Abende, die den Stand seines aktuellen Kom­ponierens wider­spiegel­ten. Daneben bestück­te er mehrere Konz­ertrei­hen («words & music») und Spezialkonz­erte («Schla­gende Wet­ter», «son­ic fic­tion»), unter anderem in Bochum, Hat­tin­gen, Essen und Dort­mund, mit anderen Kün­stlern: Solis­ten wie Mar­i­lyn Crispell oder Bruno Chevil­lon, kleineren For­ma­tio­nen wie «Das Kap­i­tal» und dem Koehne Quar­tett sowie dem WDR Rund­funko­rch­ester. Textbeiträge von Den­man Maroney, Kai Ste­fan Loth­wesen und Bri­an Mor­ton unter­suchen Beginn und Entwick­lung des Kom­pon­is­ten Georg Graewe, lit­er­arische Texte von Bar­bara Köh­ler oder Anto­nio Fian reflek­tieren den kün­st­lerischen Stand der Dinge.
Ein authen­tis­ches Zeit­stück des neu aufge­lade­nen Gruben­klang Orch­esters ein­schließlich sein­er erweit­erten Verzwei­gun­gen doku­men­tiert auch die DVD mit Video- und Audiobeispie­len. Kei­th Tip­pett etwa demon­stri­erte in der Ver­anstal­tungsrei­he «piano today» seine met­allisch klin­gende Kom­po­si­tion The Approach; Graewe führte im Stanzw­erk Bochum sein Bild-Sprach-Musik-Stück Alle ken­nen meine Vis­age (nach Tage­buchein­tra­gun­gen Albert Ein­steins) auf. Das «Audio Mag­a­zine» der DVD erin­nert an die Pro­jek­te «piano today», «RuhrKampf», «new gen­er­a­tion» und «words & music».

Klaus Hüb­n­er