Ligeti, György

György Ligeti: String Quartets | Samuel Barber: Molto adagio

Verlag/Label: ECM New Series 2197
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/06 , Seite 81

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Ret­ro­spek­tiv scheint es häu­fig kaum nachvol­lziehbar, weshalb sich ein Urhe­ber dazu entschei­det, Teile seines (frühen) Werks nicht zu veröf­fentlichen. Man denke beispiel­sweise an Kaf­ka oder Chopin, deren Nach­lässe erst wahre Schätze ans Licht der Öffentlichkeit bracht­en, die dem Urteil der Autoren aber wohl schlicht nicht gerecht wurden.
Im Falle von Györ­gy Ligetis erstem Stre­ichquar­tett weiß man aus erster Hand, dass der Schöpfer das Werk zu sehr im Schat­ten des großen Bartók ver­haftet sah und sich selb­st darin klang­sprach­lich zu wenig wieder­fand. 1954 vol­len­det, war den Méta­mor­phoses noc­turnes nach dem Weg­gang Ligetis von Budapest etwas später in Wien nur eine einzige Auf­führung vergön­nt, nach der das Werk fast zwanzig Jahre unge­hört blieb. Wenn auch die Bere­itschaft, sein fol­gen­des Stre­ichquar­tett ohne Umschweife No. 2 zu betiteln, vom zurück­kehren­den Willen Ligetis zur Akzep­tanz seines Früh­w­erks zeugt, ver­merkt er doch in einem Pro­gramm­text, das erste Quar­tett sei eine Art «alt­modis­ch­er» Ver­sion seines später typ­is­chen Stils, mit noch deut­lich «melodis­chen, rhyth­mis­chen und har­monis­chen Gebilden und Taktmetrik».
Dieses etwas stiefmüt­ter­lich behan­delte Früh­w­erk verknüpft die CD mit Samuel Bar­bers pop­ulärster Kom­po­si­tion, dem langsamen Satz aus seinem String Quar­tet No. 1 von 1936, auf dem das berühmte Ada­gio for Strings basiert, und bringt damit zusam­men, was noch vor weni­gen Jahrzehn­ten grundle­gend unvere­in­bar schien. Der Neutön­er Ligeti und der im Roman­tizis­mus schwel­gende Bar­ber? Aber es funk­tion­iert: Zwis­chen den sich ruh­e­los verän­dern­den, mitunter schwindel­er­re­gen­den Klän­gen der bei­den Stre­ichquar­tette Ligetis wirkt Bar­bers Kom­po­si­tion wie tonale ter­ra fir­ma, die ver­söh­nt und verbindet.
Die ästhetis­che Dis­tanz zwis­chen Bar­ber und Ligeti wird inter­es­san­ter­weise nicht nur durch die mit­tler­weile ver­strich­ene Zeit niv­el­liert, es ist auch das kühne inter­pre­ta­torische Wahrnehmungsver­mö­gen des Keller Quar­tetts, das die Unter­schiede aufhebt. Die Musik­er find­en ver­wandte Kon­turen und gar geschwis­ter­liche Züge in den Werken und trans­ferieren Eigen­schaften müh­e­los über ver­meintliche Gen­re­gren­zen hin­weg: Ligetis Stücke erhal­ten im Dia­log eine bewe­gende Expres­siv­ität, während Bar­ber – mit sparsamem Vibra­to – unheim­lich, entrückt und beun­ruhigend wirkt. Müh­e­los behauptet das Keller Quar­tett seinen Sta­tus als pro­fil­iertestes Quar­tett Ungar­ns, selb­st waghal­sige Spiel­tech­niken wie pizzi­ca­to glis­sando (!) meis­tert es spielerisch und unverkrampft.
Am CD-Book­let beson­ders zu erwäh­nen ist der sehr auf­schlussre­iche Essay von Paul Grif­fiths, der anhand des Heimat­be­griffs eine weit­ere Dimen­sion zwis­chen Ligeti und Bar­ber öffnet. Während die roman­tis­che Tra­di­tion für Bar­ber dur­chaus eine Heimat bedeutete, die es zu wahren und ehren galt, ist Heimat für Ligeti – egal ob geografisch, biografisch oder musikalisch – immer ein Ort, der ver­lassen wird. In Kon­se­quenz bedeutet der let­zte Akko­rd des zweit­en Stre­ichquar­tetts für Grif­fiths auch «more expi­ra­tion than arrival, more exhaus­tion than homecoming».

Patrick Klingenschmitt