Heister, Hanns-Werner

Hintergrund Klangkunst

Ein Beitrag zur akustischen Ökologie

Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/06 , Seite 94

Hanns-Wern­er Heis­ters Ver­such, die Klangkun­st vor dem Hin­ter­grund ih­rer gesellschaftlichen Bedin­gun­gen zu durch­leucht­en, erweist sich als eben­so prob­lema­tisch wie ein­seit­ig. Bere­its die Bes­tim­mung, Klangkun­st lasse sich verkürzt als «beson­dere Aus­prä­gung und his­torische Weit­er­en­twick­lung von elek­troakustis­ch­er Musik» (S. 15) begreifen, macht die mit medi­engeschichtlichen Kon­tex­ten wenig ver­traute Per­spek­tive des Autors deut­lich. Es über­rascht daher nicht, dass er die Beze­ich­nung «Klangkun­st» eher als «Marken­na­men», denn als «ästhetis­chen Begriff» (S. 13) bew­ertet, ihr ver­all­ge­mein­ernd eine «charak­ter­is­tis­che Ten­denz zur Ent­poli­tisierung» (S. 35) unter­stellt und allen Bemühun­gen um eine the­o­retis­che, ästhetis­che und gesellschaftliche Dif­feren­zierung unter­schiedlich­er Erschei­n­ungs­for­men von Klangkun­st, die den wis­senschaftlichen Diskurs prä­gen, eine Absage erteilt. 
Diese Strate­gie befre­it den Autor von der Mühe, die ter­mi­nol­o­gis­chen Unschär­fen sein­er Aus­führun­gen zu kor­rigieren, und unter­stützt die damit ver­bun­dene Ten­denz zur Pauschal­isierung – wodurch Heis­ter im Grunde die sicher­lich notwendi­ge kri­tische Auseinan­der­set­zung mit dem The­ma diskred­i­tiert. Da hil­ft es auch nichts, wenn er von vorn­here­in die Kri­tik an sein­er Darstel­lung zu entkräften sucht, indem er eine «aggres­sive Abwehr» des Buchs als Folge seines «Tabubruchs» gegenüber ein­er in Bezug auf Klangkun­st ange­blich herrschen­den «polit­i­cal cor­rect­ness» (S. 7) voraussagt. 
Immer­hin ver­mag Heis­ter auf gewisse Prob­leme der Klangkun­st und ihrer Ein­bindung in insti­tu­tion­al­isierte Struk­turen aufmerk­sam zu machen; doch erweist sich sein Zugriff in viel­er­lei Hin­sicht als erstaunlich lück­en­haft – der für die Diskus­sion so bedeut­same Begriff der «ästhetis­chen Erfahrung» etwa spielt über­haupt keine Rolle –, was zu frag­würdi­gen Bew­er­tun­gen bes­timmter kün­st­lerisch­er Aus­drucks­for­men führt und in der Kon­se­quenz auf ein Plä­doy­er für die Ver­ar­mung des Kul­turschaf­fens im Sinn eines Verzichts auf exper­i­mentelle und inter­me­di­ale Kun­st­for­men hin­aus­läuft. Am unan­genehm­sten sind hier­bei die vie­len abqual­i­fizieren­den For­mulierun­gen, die Heis­ter an die Stelle sach­lich­er Argu­mente set­zt, in­dem er etwa einzel­nen Pro­tag­o­nis­ten von Per­for­mance, Hap­pen­ing und Klangkun­st «plat­ten Kon­formis­mus» (S. 29) oder «dum­m­dreiste Anmaßung» (S. 193) unterstellt. 
Als Ersatz für eine angemessene Betra­ch­tung kul­turgeschichtlich­er Zu­sammen­hänge taugt dieses Vorge­hen nicht; eine Antwort auf die Frage nach Kri­te­rien zur Unter­schei­dung gelun­gener und weniger gelun­gener Kun­st­pro­duk­tio­nen ver­mag es gle­ich­falls nicht zu geben. Als eigentliche Ursachen der kri­tisierten, bisweilen im Sinn total­itären Ter­rors dargestell­ten Klangkun­st-Missstände macht der Autor vielmehr sim­pli­fizierend die Bedin­gun­gen der Mark­twirtschaft, die Kom­merzialisierung, die Warenäs­thetik und den Neolib­er­al­is­mus aus, in deren Sinn die Klangkun­st aller­hand «Sys­tem-Pro­pa­gan­da» betreibe (S. 100). 
Und so nimmt die Darstel­lung, sich dabei im­mer wieder auf das Ali­bi anti­mil­i­taris­tis­ch­er und antifaschis­tis­ch­er Exkurse besin­nend, jene Züge an, die Heis­ter eigentlich seinem Gegen­stand unter­stellt: diejeni­gen ein­er ide­ol­o­gis­chen Verblendung, die sich vehe­ment gegen dif­feren­zierte Argu­men­ta­tio­nen sträubt.

Ste­fan Drees