Drees, Stefan (Hg.)

Im Spiegel der Zeit

Die Komponistin Unsuk Chin

Verlag/Label: Schott Music, Mainz 2011 | 242 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 90

Unsuk Chin ist kore­anis­che und europäis­che Kom­pon­istin zugle­ich. Ihre Musik ästhetisch exakt zu verorten, ist jedoch unmöglich. Der kore­anis­chen Kun­st­musik kommt in ihren Arbeit­en nicht die gle­iche essen­zielle Bedeu­tung zu, wie dies beispiel­sweise für die Werke von Isang Yun gilt. In der europäis­chen Kun­st­musik der Gegen­wart wiederum lässt sich die Musik von Unsuk Chin nicht im Sinne ein­er ästhetis­chen Ide­olo­gie posi­tion­ieren, trotz­dem sie diverse Stil­rich­tun­gen, darunter jene des Seri­al­is­mus, eis­ern durchdek­lin­iert hat.
Natür­lich lassen sich Merk­male in Unsuk Chins Musik benen­nen, die prinzip­iell Rückschlüsse auf das kul­turelle Wurzel­ge­flecht zulassen, in dem die Pianistin und Kom­pon­istin ihre musikalis­che Sozial­i­sa­tion erfahren hat. Geboren wurde sie 1961 in Seoul/ Süd­ko­rea. Bei­de Eltern waren als Laien­musik­er aktiv. Ander­er­seits: Prä­gend für Unsuk Chins kom­pos­i­torisches Pro­fil sollte let­zten Endes das Kom­po­si­tion­sstudi­um wer­den, das sie 24-jährig, schon mit einem Abschluss der Uni­ver­sität Seoul in Hän­den, im Jahr 1985 bei Györ­gy Ligeti an der Musikhochschule Ham­burg auf­nahm.
Später wird sie diese drei Jahre in Ligetis Kom­po­si­tion­sklasse als die Zeit ihrer größten per­sön­lichen und kün­st­lerischen Krise beschreiben, als eine harte Schule der Selb­stfind­ung, als Basis für den Erfolg, den sie in den Jahren danach in Frankre­ich, Eng­land, den USA haben wird, selt­samer­weise jedoch kaum in Deutsch­land, wo sie noch immer ansäs­sig ist. Hier wird sie für ihre Arbeit wieder­holt mit renom­mierten Preisen geehrt, doch auf den Pro­gram­men der hierzu­lande bedeu­ten­den Fes­ti­vals für die Musik der Gegen­wart ist ihr Name nicht vertreten. Insofern kommt der vor­liegende Band, für den der Musikpub­lizist Ste­fan Drees ver­ant­wortlich zeich­net, in mehrerer Hin­sicht ein­er Spuren­suche gle­ich.
Ein­er­seits dienen die gesam­melten Inter­views, Essays (von der Kom­pon­istin selb­st und anderen) sowie ana­lytis­chen Orig­i­nal­beiträge der Annäherung an ein Werk, von dem man am Ende der Lek­türe den Ein­druck mit­nimmt, es zwinge einen nachger­ade, dem Begriff des Per­son­al­stils eine neue Nuance hinzufü­gen zu müssen. Ander­er­seits lässt sich anhand dieser Texte auch nachvol­lziehen, dass Worte bisweilen ein recht stumpfes und vor allem zu grobes Werkzeug sein kön­nen, wenn es um die Beschrei­bung musikalis­ch­er Vorgänge und Wirkun­gen geht. Nicht zulet­zt deshalb kommt dem Essay von Gor­don Kampe «Far­ben, Räume, Zauberkästen. Zur Instru­men­ta­tion im Schaf­fen von Unsuk Chin» eine zen­trale, kaum zu über­schätzende Bedeu­tung zu. Was in den vor­ange­gan­genen Tex­ten, ange­ord­net im Sinne der Werkchronolo­gie, zur Sprache kommt, schießt in Kam­pes ana­lytis­chem Essay zur Quin­tes­senz zusam­men, die da heißen kön­nte: Klang-Farbe ist nicht alles im Œuvre dieser Kom­pon­istin, aber ohne Farbe ist bei ihr alles nichts, wobei der Begriff der Farbe bei Unsuk Chin über den der auss­chließlich europäisch geprägten Kun­st­musik hin­aus­ge­ht. Diesem Phänomen spürt die Textsamm­lung nach, ergänzt durch einen detail­lierten, weit­er­führen­den Anmerkungsap­pa­rat, ein aus­führlich­es Werkverze­ich­nis neb­st Disko­grafie sowie eine Rei­he gut aus­gewählter Noten­beispiele.

Annette Eck­er­le