Uli Aumüller / Sebastian Rausch

Im Wald | Under the Trees

8 Studien über animierte Stillleben und Musik. Konzertinstallation

Verlag/Label: Arthaus DVD 102174
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/03 , Seite 88

Uli Aumüllers und Sebas­t­ian Rauschs als Sur­round-Instal­la­tio­nen konzip­ierte Stu­di­en wer­fen den Betra­chter zunächst ein­mal auf die grund­sät­zliche Frage zurück: Was ist eigentlich der Unter­schied zwis­chen Film und Fotografie? Der Film arbeit­et mit dem Moment der voran­schre­i­t­en­den, sich entwick­el­nden Zeit, er «geht mit der Zeit», zumeist in ihrem eige­nen Tem­po. Die Fotografie hinge­gen friert Momente ein, sie hält Momente fest, holt sie aus der voran­schre­i­t­en­den Zeit her­aus und präsen­tiert sie als sta­tis­che Bilder.
Die acht Stu­di­en Im Wald ver­suchen nun bei­des zu verbinden: die Sta­tik der Fotografie mit der Bewegth­eit des Films. Zu diesem Zweck wur­den in einem aufwändi­gen Prozess Fotos zu Panora­ma­land­schaften zusam­menge­fügt, die nun in diesen acht Stu­di­en filmisch und ver­schiedene Details fokussierend durch­wan­dert wer­den. Die Auf­nah­men ent­standen in allen Jahreszeit­en in ein­er der zahlre­ichen, Wald und Wass­er verbinden­den Land­schaften nördlich von Berlin. Die einzel­nen Stu­di­en präsen­tieren jew­eils einen bes­timmten einge­frore­nen Moment zu ein­er bes­timmten Jahreszeit an bes­timmtem Ort in der «unberührten» Natur.
Zur musikalis­chen Begleitung der «Stil­lleben» wur­den sowohl Kom­po­si­tio­nen von Zeitgenossen, namentlich Ludger Kisters (Klangkompo­si­tion Der Atem des Waldes), Gilles Gob­eil (Entre les deux rives du print­emps) und Enno Poppe (Wald für vier Stre­ichquar­tette), ver­wen­det als auch der dritte Satz («near­ly sta­tion­ary») aus John Cages String Quar­tet in Four Parts. Für zwei Stu­di­en wur­den Barock­w­erke von Georg Philipp Tele­mann (Die Relinge) bzw. Jean-Féry Rebel (Les Éle­ments) aus­gewählt. Da­mit wären wir an einem der Knack­punk­te von Aumüllers «Instal­la­tion»: Die filmis­che Konzep­tion hat in der musikalis­chen Konzep­tion kei­ne Entsprechung. Zwar gibt es dur­chaus Momente, in denen Bild und Ton beein­druck­end ineinan­der­greifen oder sich effek­tvoll abstoßen. Ins­ge­samt aber geht das Konzept, den aufwändig erar­beit­eten Bildern und Bilder­fol­gen bere­its vorge­fun­dene Musiken aufzustülpen, nicht auf.
Die Bilder­sprache der Stu­di­en ist «Nature morte», nicht «Stil­lleben». Die von der Linse abge­tasteten reglosen – und damit auch leblosen – Bilder von Blät­tern, Ästen, Bäu­men, Wass­er und Luft­blasen sind auf­grund des Fehlens jed­er organ­is­chen Bewe­gung in der Zeit von bedrohlich­er Mor­bid­ität. Eine musikalis­che Entsprechung find­et diese schi­er gruselige Sta­tik noch am ehesten in Kisters, Gob­eils und Poppes Werken, die eben­falls mit sta­tis­chen Ele­menten arbeit­en. Cages organ­is­che, zeito­ri­en­tierte Klänge scheinen mir dafür ungeeignet (die Beto­nung bei Cages «near­ly sta­tion­ary» betitel­tem Satz liegt ein­deutig auf «near­ly»!) eben­so wie die gewählten barock­en Werke mit ihrem Pri­mat des Bewegt-Melodischen.
So ste­ht man am Ende etwas rat­los da hin­sichtlich der ästhetis­chen Botschaft des Ganzen. Um die von Aumüller selb­st im Book­let ange­sproch­ene und angestrebte «Über­führbarkeit des Fig­u­ra­tiv­en ins Abstrak­te» zu erre­ichen, die «bei ähn­lichen Gestal­tung­sprinzip­i­en der akustis­chen und visuellen Ebene eine enge Ver­flech­tung zwis­chen Bild und Ton her­beiführen kön­nte», hätte er die von ihm gewählten Dimen­sio­nen der Mikro- bzw. Makroskopie vervielfachen bzw. ver­schär­fen müssen.

Thomas M. Maier