Gagel, Reinhard

Improvisation als soziale Kunst

Überlegungen zum künstlerischen und didaktischen Umgang mit improvisatorischer Kreativität

Verlag/Label: Schott Music, Mainz 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/03 , Seite 94

Rein­hard Gagel ist Päd­a­goge und impro­visieren­der Pianist. Seit vie­len Jahren inte­gri­ert er die (freie) Impro­vi­sa­tion in seinen Klavierun­ter­richt und lehrt Ensem­bleim­pro­vi­sa­tion. Diese Erfahrun­gen und die stete Reflex­ion über das Phänomen des (freien) Impro­visierens hat er zum The­ma sein­er Dis­ser­ta­tion gemacht. Sie enthält im Wesentlichen zwei große Abschnitte: zum einen den Ver­such, Entste­hung, Prozesse und Wech­sel­wirkun­gen des Impro­visierens zu beschreiben; zum anderen entwick­elt er Mod­elle und Mög­lichkeiten, Impro­vi­sa­tion zu unter­richt­en und Proben anzuleit­en. Dass der Unter­richt­steil hier nicht isoliert ste­ht, son­dern an voranste­hende the­o­retis­che Über­legun­gen gekop­pelt ist, ist eine der Stärken dieser Arbeit, die damit dem Klis­chee von der Impro­vi­sa­tion im Unter­richt als «Vorstufe» zur Inter­pre­ta­tion oder als Anfängerun­ter­richt wirkungsvoll entgegensteht.

Gagel geht von einem «Betrieb­ssys­tem Impro­vi­sa­tion» aus, das, der Sys­temthe­o­rie entsprechend, selb­stor­gan­isatorisch, also in steter Wech­sel­wirkung und Inter­ak­tion der Mit­spie­len­den und der jew­eils gespiel­ten Klän­ge, erzeugt und entwick­elt wird. Gedanken aus der Emer­gen­zthe­o­rie liefern Erk­lärun­gen für das impro­visierende Ermöglichen von «Unvorherge­se­hen­em», das zu unter­schei­den ist von Zufall und Beliebigkeit. Weit­er­hin erläutert Gagel sieben Kom­po­nen­ten, die Impro­vi­sa­tion ermöglichen und sich in steter Inter­ak­tion und gegen­seit­iger Abhängigkeit befind­en: da­runter die jew­eilige Sit­u­a­tion und der Umgang mit musikalis­chem Mate­r­i­al, gestis­ches und kör­per­lich­es (mithin nicht geist/ «kopf»-gesteuertes) Spiel oder die so genan­nte Präsenz der Spie­len­den. Zusam­men­fassend wer­den Kri­terien der Impro­vi­sa­tions-Kom­pe­tenz gelis­tet. Wertkri­te­rien allerd­ings lassen sich, so Gagel, nicht all­ge­mein bes­tim­men, son­dern kön­nen nur von den Impro­visieren­den selb­st und sub­jek­tiv genan­nt wer­den. Aber impliziert nicht die Idee ein­er Kun­st qua def­i­n­i­tionem auch inter­sub­jek­tiv gültige oder zumin­d­est disku­tier­bare ästhetis­che und damit Wertkri­te­rien, nicht nur solche des Prozessver­laufs? – Eine der kleinen Ungereimtheit­en und Wer­mut­stropfen, die beim genaueren Lesen auf­tauchen. Um noch einen weit­eren her­auszu­greifen: So manche zen­tralen Aus­sagen gren­zen Impro­vi­sa­tion von Inter­pre­ta­tion nicht trennscharf ab, son­dern übernehmen oft ver­wen­dete Pos­tulate unhin­ter­fragt bzw. nicht konkretisiert. Durch (unab­sichtlich) wer­tende Begrif­flichkeit benen­nt Gagel klare Hier­ar­chien zwis­chen Impro­vi­sa­tion und Inter­pre­ta­tion / Kom­po­si­tion, so dass der Ein­druck entste­hen kön­nte, das Klis­chee ein­er höher­ste­hen­den Form des Musikgestal­tens würde, nur unter umgekehrten Vorze­ichen, beibehalten.
Dass gele­gentlich auch Begriffe aus ver­schiede­nen The­o­rien kurz angeris­sen wer­den, ohne dass eine wirk­liche Notwendigkeit im Erläuterung­sprozess bestünde, mag ein­er­seits der Tat­sache der Qual­i­fika­tion­sar­beit geschuldet sein, zeugt aber ander­er­seits vom Bestreben des Autors, seinen Blick auf den Prozess der Impro­vi­sa­tion und seine Gedanken über das Nach­denken über Impro­vi­sa­tion weit schweifen zu lassen. Faz­it: Kleinen Ungereimtheit­en zum Trotz – die schließlich auch das Disku­tieren und ver­tiefende Nach­denken anstoßen – Rein­hard Gagel hat einen weit­er­führen­den Beitrag zur Ver­mit­tlung von Impro­vi­sa­tion geliefert.
Nina Polaschegg