Insomnio

Werke von Jukka Tiensuu, James Wood, Roderik de Man und Luca Francesconi

Verlag/Label: encora, enc-011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/05 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Es begin­nt zupack­end vom ersten Augen­blick an, während die Solostimme bei den Stac­ca­to-Schlä­gen des Ensem­bles unverse­hens von Flöte zu Oboe zu Trompete wech­selt. In dieses belebte Konz­ert perlen plöt­zlich elek­tro­n­is­che Klänge hinein, später treten ver­fremdete Vogel­stim­men hinzu. Doch anders als bei seinem Lands­mann Eino­juhani Rautavaara han­delt es sich bei Juk­ka Tien­suu nicht um Naturlaute vor roman­tis­chen Orch­esterk­län­gen: Was in der Kom­po­si­tion nemo Flöte, was Elek­tron­ik, was Vogelge­sang ist, lässt sich kaum auseinan­der­hal­ten. Auf ein­mal find­et sich der Hör­er gefan­gen in einem Wirbel aus zwitsch­ern­den, klin­gel­nden Tö­nen. Dann wieder scheinen Chor­laute aus unbes­timmten Tiefen emporzusteigen, bevor aus sta­tis­chen Klang­flächen flugs wieder die anfängliche Dynamik zurück­kehrt. Die Musik gle­icht ein­er Traum­land­schaft, die sich schon im näch­sten Moment buch­stäblich in jede Rich­tung weit­er­en­twick­eln kann.
Nicht weniger ener­gisch geht das Utrechter Ensem­ble Insom­nio die drei weit­eren Kom­po­si­tio­nen des Ton­trägers an. In James Woods De telarum mechan­i­cae ent­fal­ten Man­do­line, Har­fe, Gitarre, Vibra­fon und Klavier ein dicht­es, stets wan­del­bares Achtel­ge­flecht vor langge­zo­ge­nen Bläs­er- und Stre­ichertö­nen. Irgend­wann gerät auch hier das gesamte Ensem­ble immer mehr in Bewe­gung, geeignet, eine Hochgeschwindigkeits-Dampfzug­fahrt zu illus­tri­eren, die dann wieder unter kräftigem Pfeifen zu einem vor­läu­fi­gen Hal­tepunkt gelangt, nur um immer wieder neu Fahrt aufzunehmen. Nach einem Ruhep­unkt klingt die Kom­po­si­tion noch mehrere Minuten lang eher ver­hal­ten aus, bevor das Fagott in einem let­zten kurzen Lauf das The­ma noch ein­mal aufgreift.
In Roderik de Mans Chro­mophores erschallen nach anfänglich blech­ernem Geklap­per helle Mandolinen‑, Oboen- und Stre­icherk­länge vir­tu­os über einem tiefen Grund aus dumpfen, getra­ge­nen Clus­tern. Die Elek­tron­ik erweit­ert das Klangspek­trum ins Geräuschhafte und steigert sich in höch­ste, zir­pende Töne. Obwohl es dur­chaus sehr bewegt, aber auch beina­he laut­los still wer­den kann, schre­it­et die Kom­po­si­tion, von schnellen Läufen und Wirbeln umspielt, in langsamen, schw­eren Schrit­ten voran.
Luca Francesco­nis Islands set­zt perkus­siv ein, und in der Tat: so viel treibende Rhyth­mik find­et sich in der Musik der Avant­garde sel­ten. Allerd­ings nicht sofort. Francesconi lässt sich Zeit, in die Klänge hineinzuhorchen, bevor er im zweit­en Teil des Stücks, das sich auch als Klavierkonz­ert beze­ich­nen lässt, die Massen in Bewe­gung set­zt. Lau­ra Sandee füllt den Piano-Part bravourös aus, kon­ge­nial unter­stützt von den Musik­ern des Ensem­bles. Nach mehrfachem Innehal­ten been­det schließlich das Klavier den ras­an­ten Lauf mit einem hohen Triller und einem tiefen Akzent.
Unter der Leitung von Ulrich Pöhl beweist das Ensem­ble Insom­nio durch­weg eine außergewöhn­liche Spiel­freude, die auch beim wieder­holten Anhören immer wieder Vergnü­gen bere­it­et. Auch wenn alle vier Kom­po­si­tio­nen Ähn­lichkeit­en aufweisen, unter­schei­den sie sich doch wieder in ihrem Charak­ter, in ihrer Herange­hensweise: eine von Anfang bis Ende empfehlenswerte CD.
Diet­rich Heißenbüttel