Iva Bittová – Fragments I‑XII

Verlag/Label: ECM 2275
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 2

Iva Bit­továs Musik fluk­tu­iert per­ma­nent zwis­chen den Stilen, fast möchte man schon sagen: sie vagabundiert. Denn es lassen sich nur wenige ästhetis­che Orte aus­machen, die für die Musik Bit­továs offenkundig Herzen­sorte sind, zu denen es sie immer wieder hin­drängt, auch wenn sie diese bisweilen nur noch weiträu­mig umkreist.
Iva Bit­tová, 1958 in der dama­li­gen Tschechis­chen Repub­lik in Brun­tal geboren, hat ihre erste beru­fliche Lauf­bahn erfol­gre­ich in den 1970er Jahren als Schaus­pielerin absolviert. Erst dann begann sie mit dem Vio­lin­spiel. Bit­tová begann zu exper­i­men­tieren, ver­mis­chte Ele­mente aus der mährischen Folk­lore mit einigem aus den ver­schiede­nen Roma-Musikkul­turen, mis­chte noch einige Anteile Rock und Avant­garde darunter, dazu noch eine Prise Klas­sik, ins­beson­dere Sounds und Struk­turen aus den musikalis­chen Uni­versen von Mozart und Janácek.
So sollte Iva Bit­tová – auch wieder absicht­s­los – eine Rolle spie­len in dem 1990 gedreht­en Film des emphatis­chen Klang­such­ers Fred Frith: Step Across the Bor­der. Es mag ihn fasziniert haben, wie selb­stver­ständlich Bit­tová in ihrer Mu­sik das zum Aus­druck bringt, was sie darüber sagt, in der Wort­wahl gefährlich nah zwar an den gefüh­li­gen Worthülsen der Pop-Branche: «Die Vio­line ist ein Spiegel, der meine Träume und Fan­tasien reflek­tiert. Ich glaube, dass meine Per­for­mance auf bes­timmten Grund­la­gen basiert, den Schwingun­gen in der Musik und der Res­o­nanz zwis­chen der Vio­line und mein­er Stimme.» Doch macht man die Probe auf das berühmte Exem­pel, wird man über­rascht von ein­er Musik­erin, die sich von ihren Inten­tio­nen kom­ponieren lässt, so wie sich ein Schaus­piel­er von dem Text, von der Fig­ur, die darzustellen ist, spie­len lässt, indem er damit spielt.
Jet­zt hat Iva Bit­tová ihre erste Solo-CD vorgelegt. Und weil sie selb­st für ihren Stil noch keinen Namen gefun­den hat, trägt diese Pro­duk­tion schlicht ihren Namen. Eben­so min­i­mal­is­tisch ver­fährt Bit­tová bei der Benen­nung der Stücke – Frag­ments I‑XII – und spielt schon hier in raf­finiert­er Schlichtheit mit der Tra­di­tion. Diese Benen­nung sug­geriert das Genre von Etü­den, lässt an die tradierte Form der Samm­lung denken, seien es die Büch­er der Madri­gal­is­ten, seien es die Samm­lun­gen roman­tis­ch­er Miniaturen.
Frag­ment I und XII funk­tion­ieren hier wie Alpha und Omega. Bei­de Stücke sind für Stimme, begleit­et vom
Kalim­ba, dem afrikanis­chen Dau­men­klavier, gemacht, für sprachim­i­tierende Vokalisen, getra­gen von einem Kalim­ba-Motivbor­dun. Über­haupt spielt das paarige Prinzip in diesem Dutzend Stückchen eine zen­trale Rolle. Es gibt zwei Frag­ments für Vio­line und Stim­me, das eine auf einen Text von Gertrude Stein, das andere auf einen von Chris Cut­ler. Anson­sten hört sich dieses Kom­pendi­um, das so fein aus­ge­hört ist in seinen rhyth­mis­chen Sym­me­trien, ein wenig an wie eine mod­erne Fas­sung der Lieder ohne Worte. Gesang­stech­nisch benutzt Bit­tová vieles aus dem vir­tu­osen Reper­toire mährisch­er Folk­lore, gemixt mit ori­en­tal­isch anmu­ten­den Ingre­dien­zen aus der Roma-Musik. Und sie spielt damit so, wie Luciano Berio mit der Folk­lore Siziliens spielte. Vor allem weiß Bit­tová stets um die richtige zeitliche Aus­dehnung ihrer Musik und so bewahrt sie ihre ure­igen­ste Poe­sie vor dem Abgrund des Gefühligen.

Annette Eckerle