Ferrari, Luc

JETZT – oder wahrscheinlich ist dies mein Alltag, in der Verwirrung der Orte und der Augenblicke

Verlag/Label: 3 CDs, Edition ZKM milestones bei Wergo, WER 2066 2
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 31

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Der Auf­nah­mezu­s­tand war für Luc Fer­rari kein Aus­nah­mezu­s­tand. Er nahm auf, was ihm vors Mikro­fon kam. Nach kün­st­lerisch­er Ranghöhe fragte er nicht; das Poet­is­che oder auch Pro­sais­che er­gab sich wie von selb­st. Ger­adezu läs­sig schüt­telte der 1929 in Paris Geborene und 2005 in Arez­zo Ver­stor­bene also seine Kun­st aus dem Ärmel. Mit Witz, mit Musik, mit Sound­col­la­gen, mit musikalis­chen Land­schaften oder ein­fach mit Stim­men, deren Klang so viel mehr erzählen kann als geschriebene Wörter oder Sätze.
1982 ent­stand Luc Fer­raris Hör­spiel JETZT – oder wahrschein­lich ist dies mein All­t­ag, in der Ver­wirrung der Orte und der Augen­blicke. Mehr als zwei Stun­den dauert es und bringt divers­es­te Geschicht­en zu Gehör. In der Art eines Ket­ten­ron­dos stellt Fer­rari – teils in ver­wirren­der Über­lagerung – Sit­u­a­tio­nen am Frank­furter Flughafen dar, eine Aut­o­fahrt mit einem Redak­teur oder bilin­guale Gespräche mit sein­er langjähri­gen deutschen Weg­be­glei­t­erin Brun­hild Mey­er Fer­rari. All das kommt mit ein­er faszinieren­den franzö­sis­chen Ele­ganz daher, mit ein­er vital­en Selb­stver­ständlichkeit, die ihres­gle­ichen sucht. In dem stark auto­bio­gafisch gefärbten JETZT haben sich Fer­raris langjährige Erfahrun­gen als Kom­pon­ist und Hör­spielau­tor aufs Glück­lich­ste vere­int (Pas­sagen älter­er Werke, unter anderem von Presque rien No. 1 von 1967 sind in JETZT inte­gri­ert). Wun­der­bar stim­mig wirken die Zeit­pro­por­tio­nen von Mu­sik und O-Ton Pas­sagen, for­mal sich­er durch­struk­turi­ert der Ablauf, ohne die für Fer­rari essen­tielle Schnörkel­losigkeit und Welthaltigkeit zu ver­lieren.
Die Pro­duk­tion aus dem Hause des Zen­trums für Kun­st und Medi­en­tech­nolo­gie Karl­sruhe bietet nicht nur eines der Schlüs­sel­w­erke des Hör­spiels, son­dern zudem eine kün­st­lerisch-ak­­tu­al­isieren­de Auseinan­der­set­zung mit Fer­rari und JETZT.  Tiziana Bertonci­ni, Antje Vow­inck­el, Frank Niehus­mann, David Fenech und Neele Hül­ck­er haben das über­bor­dende Mate­r­i­al neu gesichtet, arrang­iert und bear­beit­et. Her­aus­gekom­men sind kom­prim­ierte Stückchen, deren dig­i­tale Hoch­glanz-Proze­duren nicht zu Fer­rari passen und auch nicht die Qual­ität von JETZT erre­ichen. Beson­deren doku­men­tarischen Wert haben aber drei Tracks, die von Fer­raris Anschau­un­gen über das Hör­spiel generell, aber speziell über JETZT zeu­gen. Die aus dem Jahr 2000 stam­mende «Con­férence» enthält auch höchst aktuelle Aus­führun­gen über den Zeit­druck inner­halb der Rund­funk-Anstal­ten. So endet die um­fangreiche, drei CDs umfassende Pro­duk­tion mit dem Frageze­ichen, ob JETZT unter heuti­gen Bedin­gun­gen über­haupt noch möglich wäre.

Torsten Möller