Tadday, Ulrich (Hg.)

Karl Amadeus Hartmann: Simplicius Simplicissimus

Reihe «Musik-Konzepte», Band 147

Verlag/Label: edition text + kritik, München 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/04 , Seite 94

Lohnt sich, nach dem Buch von Rüdi­ger Behschnitt («Die Zeit­en sein so wun­der­lich …», Ham­burg 1998), nach diversen Auf­sätzen und zwei aus­führlich betex­teten Schallplat­ten-Ein­spielun­gen (Wer­go; BR Klas­sik), eine weit­ere Pub­lika­tion zu Karl Amadeus Hart­manns einziger Oper Sim­pli­cius Sim­pli­cis­simus? Auf jeden Fall, denn hin­ter der schein­bar ein­deuti­gen inhaltlichen und musikalis­chen Dis­po­si­tion lauern ungelöste Prob­leme und – worauf Ste­fan Weiss in seinem Beitrag zur Hart­mann-Rezep­tion mit Recht kri­tisch hin­weist – die andauern­den Fil­i­a­tio­nen des Schlag­worts vom «Beken­nt­nis­musik­er», das allzu viele Kom­men­ta­toren umstand­s­los be­nutzten und nicht mehr hin­ter­fragten. Der vor­liegende Band der Musik-Kon­zepte ist das Ergeb­nis eines Han­nover­an­er Kol­lo­qui­ums, und wie nö­tig die erneute Beschäf­ti­gung mit dem «Sim­pl» war, macht vorzüglich Ulrike Böh­mer mit ihrem Beitrag zur Werk­ge­nese deut­lich, wofür Briefe, Hand­schriften und andere bis­lang ungenutzte Doku­mente endlich aus­gew­ertet wur­den. Nicht min­der weit­er­führend Nina Noeskes Auf­satz über «Im­plizite Ethik» bei Hart­mann, wohl­tuend in den unaufgeregten Konstatierungen.
Gle­ich­wohl zieht sich durch den ganzen Band eine fast ver­bis­sene Kon­tro­verse um den poli­tis­chen Stan­dort des Kom­pon­is­ten, deren insis­tente Polemik nicht recht ein­leuchtet. Hart­manns Stan­dort ein­er zwar gefühlsmäßi­gen, aber dur­chaus reflek­tierten linken Posi­tion ist bekan­nt und vielfach auch durch eigene Aus­sagen belegt, man muss dies eigentlich wed­er wortre­ich bestäti­gen (wie im Auf­satz von Hanns-Wern­er Heis­ter) noch in Frage stellen von ein­er fik­tiv­en Posi­tion des all­ge­mein Men­schlichen her, dem jede Gewalt, auch die der auf­ständis­chen Bauern, ein Gräuel sei (Egon Voss, Ste­fan Weiss). Zwar schrieb Hart­mann eine Oper über den ein­fälti­gen Sim­pli­cius, aber er selb­st war dur­chaus nicht so ein­fältig, eine Rev­o­lu­tion mit einem Sek­temp­fang nach ein­er gewonnenen Par­la­mentswahl zu ver­wech­seln; Rev­o­lu­tio­nen wen­den sich gegen beste­hende Gewaltver­hält­nisse, deswe­gen find­en sie statt, und das war Hart­mann wohl bewusst. Inter­es­sant in diesem Zusam­men­hang ist der ein­lei­t­ende Beitrag Peter Beck­ers über «Äußere und innere Land­schaft im Dreißigjähri­gen Krieg», wobei man lediglich über den Begriff «Unausstaunlichkeit­en der Hartmann’schen Par­ti­tur» (S. 20) stolpert, ein Wort, das der Rezensent verge­blich im Duden suchte.
Eine Frage, die weit über Hart­mann hin­aus­re­icht, bet­rifft die Zitier­fähigkeit der Inter­net-Enzyk­lopädie Wikipedia. Heis­ter benutzt sie aus­giebig, Her­aus­ge­ber Tad­day spricht ihr die Wis­senschaftlichkeit ab (S. 31, Anm. 3). In Anbe­tra­cht der Tat­sache, dass Wikipedia durch die Benutzer gestal­tet und stetig verän­dert wird, ist der Vor­be­halt ver­ständlich; auch sollte man das berühmte Dik­tum Max Hork­heimers – «Wer vom Kap­i­tal­is­mus nicht reden will, sollte auch vom Faschis­mus schweigen» – wenn über­haupt, dann orig­i­nal zitieren und nicht in ein­er durch Wikipedia über­liefer­ten indi­rek­ten Rede (S. 34). Unab­hängig davon empfind­et der Rezensent das grafis­che Kaud­er­welsch ein­er mehr als vier Zeilen lan­gen Inter­net-Adresse (S. 38, Anm. 22) als nicht nur optis­che Zumu­tung. (Ist das die Zukun­ft der Wissenschaft?)
Heis­ters Insistieren auf Hart­mann als einem sozial­is­tis­chen Kün­stler erhält allerd­ings nachträgliche Strin­genz durch die, gelinde gesagt, diskus­sions­bedürfti­gen Aus­führun­gen von Ste­fan Weiss, der Hart­mann eine Gle­ich­set­zung des Gewalt­syn­droms von Bauer­nauf­s­tand und Faschis­mus unter­schiebt (S. 121) oder unter­stellt, manche Werke Hart­manns wür­den nur um ihres poli­tis­chen Gehalts willen über­haupt noch aufge­führt (S. 115). Man sieht: Auch zwanzig Jahre nach dem (gott-sei-gelobten) Ende des Ost-West-Kon­flik­ts tun sich die «Besser­wes­sis» immer noch schw­er, linke Posi­tio­nen als legit­im anzuerken­nen, wie es in Län­dern wie Ital­ien oder Frankre­ich ganz selb­stver­ständlich ist. Zwei winzige Fehler: Das von Hart­mann motivisch ver­wen­dete Lied heißt nicht «Sol­dat­en …», son­dern «Par­ti­sa­nen vom Amur» (Egon Voss, S. 85), und der Diri­gent der CD Friedens-Seufftzer und Jubel-Geschrey heißt nicht Mar­tin, son­dern Man­fred Cordes (Beck­er, S. 19, Anm. 16).

Hart­mut Lück