Krytska, Iryna

Karlheinz Stockhausens Klavierstück XI (1956)

Interpretationsanalysen (= Kölner Beiträge zur Musikwissenschaft, Band 17)

Verlag/Label: Gustav Bosse, Kassel 2015, 353 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/05 , Seite 84
Auf­grund sein­er unkon­ven­tionellen Par­ti­tur öffnet sich Stock­hausens Klavier­stück XI den Möglichkeit­en vielfältiger inter­pre­ta­torisch­er Umset­zun­gen, während es kom­po­si­tion­stech­nisch auf ein­er sys­tem­a­tis­chen, dem seriellen Denken ver­hafteten Kon­struk­tion beruht. Völ­lig zu Recht geht Iry­na Kryt­s­ka daher von der Annahme aus, dass die Par­ti­tu­r­analyse nur eine Vorstufe zum Ver­ständ­nis des Werks sein kann, die eigentlichen Kon­se­quen­zen von Stock­hausens Konzep­tion hinge­gen über die Prob­lematik der inter­pre­ta­torischen Annäherung erforscht wer­den müssen. Demzu­folge legt die Autorin den Fokus auf aus­gewählte Inter­pre­ta­tio­nen als den «konkre­te[n] Erschei­n­ungsmöglichkeit­en des Stücks in der Vielfalt ihrer musikalis­chen Auswirkun­gen» (S. 5). 
Im Ein­gangskapi­tel dröselt Kryt­s­ka die ter­mi­nol­o­gis­che Ver­wirrung auf, die sich in Bezug auf die Begriffe «Aleatorik», «Inde­ter­mi­na­tion» und «offene Form» ergeben hat; sie spürt den ursprünglichen Bedeu­tun­gen nach, beleuchtet den Wan­del, der sich durch die the­o­retis­che Reflex­ion des Vok­ab­u­lars zwis­chen 1950 und 1960 ergeben hat, und stellt vor diesem Hin­ter­grund die inno­v­a­tiv­en Aspek­te von Stock­hausens Klavier­stück dar. Von diesen Grund­la­gen aus­ge­hend, befasst sich die Autorin mit den Voraus­set­zun­gen der seriellen Organ­i­sa­tion und der unbes­timmten Par­ti­tur, stellt also die bei­den kon­trastieren­den Pole der Konzep­tion einan­der gegenüber und betra­chtet sie im Kon­text von Stock­hausens the­o­retis­ch­er Auseinan­der­set­zung mit dem The­ma der musikalis­chen Zeit. 
In den nach­fol­gen­den Analy­sekapiteln ste­hen zunächst diverse Ver­sio­nen David Tudors und Aloys Kon­tarskys im Mit­telpunkt, die als «extreme Rich­tun­gen möglich­er Werkdeu­tun­gen» die Inter­pre­ta­tion­s­geschichte maßge­blich mitbes­timmten, während im Anschluss daran einzelne Ver­sio­nen Bern­hard Wambachs unter­sucht wer­den, welche die Autorin als «Ver­such ein­er Syn­these zwis­chen den bei­den Herange­hensweisen Tudors und Kon­tarsky» auf­fasst (S. 21). Neben den Auf­nah­men selb­st gehören Begleit­ma­te­ri­alien wie Skizzen zur Ausar­beitung von Auf­führungspar­ti­turen oder auch Briefe zum Um­feld des Unter­suchungs­ma­te­ri­als, wo­raus sich einige bemerkenswerte Schlussfol­gerun­gen für die inter­pre­ta­torischen Entschei­dun­gen, aber auch beispiel­sweise für Tudors Ein­fluss auf die Entwick­lung von Stock­hausens Idee ein­er «neuen Instru­men­tal­musik» (S. 84) ergeben. 
Kryt­s­ka weit­et ihre Forschungsper­spek­tive schließlich noch durch den Blick auf andere, mitunter auch prob­lema­tis­che Ver­sio­nen von Inter­pre­ten wie u. a. Her­bert Henck, Pierre-Lau­rent Aimard oder Ben­jamin Kobler. Ins­ge­samt gelingt es der Autorin, eine werkadäquate Meth­ode der Inter­pre­ta­tion­s­analyse zu entwick­eln und so die im Klavier­stück XI eröffneten kom­po­si­tion­stech­nis­chen, inter­pre­ta­torischen und rezep­tion­säs­thetis­chen Per­spek­tiv­en in ihrer ganzen Kom­plex­ität und Wider­sprüch­lichkeit zu ver­an­schaulichen. Ihr Buch ist daher auch ein bedeu­ten­der und vor­bildlich­er Beitrag zur Inter­pre­ta­tion­s­analyse jün­ger­er Musik.
Ste­fan Drees