Glass, Philipp

Kepler

Inszenierung: Peter Missotten; 120 min. | Stereo

Verlag/Label: Orange Mountain Music, OMM 5004
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 77

Zu ein­er Zeit, als dem Min­i­mal­is­mus in Europa noch die Frische des Neuen anhaftete, machte Phil Glass mit dem in Zusam­me­nar­beit mit Bob Wil­son ent­stande­nen Büh­nen­stück «Ein­stein on the Beach» Furore. Das war 1976 beim Fes­ti­val in Aix-en-Provence. Inzwis­chen ist er zu einem Großpro­duzen­ten gewor­den, der die inter­na­tionalen Büh­nen mit min­i­mal­is­tis­ch­er Meter­ware ver­sorgt. Seine Musik tritt oft auf der Stelle, doch was die Stoffe ange­ht, hat er stets einen guten Instinkt bewiesen. Charis­ma­tis­che Fig­uren aus aller Welt haben es ihm beson­ders ange­tan. Nach Ein­stein wur­den 1980 Mahat­ma Gand­hi (in Satya­gra­ha), 1983 Ech­na­ton und 2001 Galilei zu seinen Opern­helden, und mit Sujets wie «The CIVIL­warS» und der Musik zum Film «Koy­aanisqat­si» hat­te er in den 1980er Jahren auch einen feinen Riech­er für den Zeit­geist.
Von den großen Män­nern der Geschichte war 2009 nun Johannes Kepler an der Rei­he. Die Urauf­führung der neuen Oper fand abseits der großen Metropolen und Fes­ti­vals statt, näm­lich in Linz an der Donau. In dem vom Lan­desthe­ater Linz mit hau­seige­nen Kräften pro­duzierten Zweiak­ter entwick­elt Kepler zwis­chen Träu­men und Nach­denken seine The­o­rien. Das Libret­to klingt dur­chaus wis­senschaftlich. Kepler singt: «Der Mars­bahn umschreibe ich ein Tetraed­er», und der Chor ergänzt: «Die dieses umspan­nende Sphäre ist der Jupiter.» Die Regie sucht dabei nach passenden Bildern. Musikalisch unter­legt Glass diese Ver­laut­barun­gen in Deutsch und Latein mit den für ihn charak­ter­is­tis­chen Osti­na­to­bän­dern, die zwis­chen Trance und Langeweile schwanken und von Den­nis Rus­sell Davies mit stois­ch­er Ruhe abgewick­elt wer­den. Dies­mal tendiert Glass etwas mehr zu den tiefen Reg­is­tern, was den Video­pro­jek­tio­nen von geometrischen Fig­uren und Him­mel­skör­pern im Büh­nen­hin­ter­grund eine geheimnisvolle Note ver­lei­ht.
Bei aller Skep­sis gegenüber der stereo­typen Sound­man­u­fak­tur erstaunt immer wieder das Geschick, mit dem Glass seine The­men über die Bühne bringt. Sein Geheim­nis liegt wohl darin, dass er einen kon­se­quent unpsy­chol­o­gis­chen Plot eben­so kon­se­quent mit seinem Min­i­mal­is­mus-Tep­pich unter­legt und diesen mit ent­per­sön­licht­en Stim­mungen und Assozi­a­tio­nen auflädt. Und irgend­wie funk­tion­iert das dann sog­ar. Die Oper, ein Mys­teri­um mit eige­nen Geset­zen.

Max Nyf­fel­er