Haselböck, Lukas (Hg.)

Klangperspektiven

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2011 | 304 Seiten, Notenbeispiele
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 91

Es gibt Titel, die erweisen sich erst nach absolviert­er gründlich­er Lek­türe in ihrer Triftigkeit. Der Titel «Klang­per­spek­tiv­en» zum Beispiel – wie fünf der Texte des vor­liegen­den Ban­des ist er dem gle­ich­nami­gen Sym­po­sion an der Uni­ver­sität für Musik und darstel­lende Kun­st Wien von 2009 entlehnt – ist so ein­er. Skep­tis­che Ein­gangs­frage: Wird sich die dem Kom­posi­tum mit dem lateinis­chen «per­spicere» eingeschriebene Hoff­nung auf Ein­blick, Durch­blick und Aus­blick in bzw. auf das so vielschichtige und kom­plexe Phänomen «Klang» erfüllen?
Um es vor­wegzunehmen: Ja. Aus dem, was hier in 17 Beiträ­gen ver­sam­melt ist, formt sich näm­lich ein Panoram­a­bild aktuellen Denkens in und über Musik, das sich nicht nur Fach- und Sachkundi­ge mit Gewinn erlesen wer­den. Mögen dem so oft umwor­be­nen «inter­essierten Laien» mitunter auch seine Gren­zen beim Nachvol­lzug spezieller kom­po­si­tion­säs­thetis­ch­er und -tech­nis­ch­er Details bewusst wer­den, so wird er doch eine Fülle nachvol­lziehbar­er ana­lytis­ch­er Ein­sicht­en und kul­tur­philosophis­ch­er Prämis­sen find­en, auf die sich eine kri­tis­che wie kreative Neu­ver­mes­sung des Gesamt­ter­rains «Klang» stützen kann.
Worum geht es im Einzel­nen? Um eine «Auseinan­der­set­zung mit dem The­ma Klang­farbe aus gesam­teu­ropäis­ch­er Sicht […] und um die Erörterung der Bedeu­tung der Klang­farbe für die Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts aus der Per­spek­tive unter­schiedlich­er Diszi­plinen.» (S. 7) Das geschieht arbeit­steilig, zunächst aus dem Blick­winkel der Philoso­phie (Arno Böh­ler) sowie der Musikgeschichte und -analyse (Gian­mario Borio, Denis Smal­l­ey, Chris­t­ian Utz und Dieter Klein­rath). Mit den Ref­eren­zen Her­ak­lit, Kant und Jean-Luc Nan­cy sucht Böh­ler «Das Tim­bre des Denkens» zu erkun­den und eine Antwort auf die Frage «Was heißt uns hören, wenn wir denken?» zu find­en. Aus­ge­hend von Schön­berg und Webern skizziert Borio die Vorgeschichte der Klangkom­po­si­tion, während Utz und Klein­rath Klang und Wahrnehmung bei Varèse, Scel­si und Lachen­mann the­ma­tisieren.
Im zweit­en Teil kom­men sechs Kom­pon­is­ten und sechs Musik­wis­senschaftler zu Wort, wobei unterschied­liche ästhetis­che Posi­tio­nen ein­er­seits und über­greifende Zusam­men­hänge ander­er­seits den Tex­ten eine ganz eigene, faszinierende Dra­maturgie ver­lei­hen. Tris­tan Murail («Die Rev­o­lu­tion der kom­plex­en Klänge») und Hugues Dufourt («Ton­höhe und Klang­farbe») repräsen­tieren, sekundiert von Roza­lie Hirs bzw. Mar­tin Kalte­neck­er, die
Musique spec­trale. Dage­gen knüpfen Philippe Manoury, Jonathan Har­vey, Chaya Czer­nowin und Ger­mán Toro Pérez auf höchst indi­vidu­elle Weise an Vor­gaben unter­schiedlich­er Prove­nienz an: Recherche musi­cale, Musique spec­trale, Klang­forschung. Markus Bögge­mann, Arnold Whit­tall, Ste­fan Jona und Susanne Kogler sind ihre eben­so kom­pe­ten­ten wie inspiri­erten Exegeten. Jene «Trans­for­ma­tion von Welt in Klang», die Susanne Kogler im Schaf­fen von Ger­mán Toro Pérez wahrn­immt, darf wohl für das kle­in­ste gemein­same Vielfache aller in diesem Band vertrete­nen Posi­tio­nen ein­ste­hen, denn für sie alle gilt, dass – mit Koglers Worten – «Klang als die andere Seite der vielschichti­gen Wirk­lichkeit erfahrbar wird».

Peter Beck­er