klangstaetten / stadtklaenge

«Zwischen Puff und Kloster». Internationale Klangkunst in Braunschweig, 9. Mai bis 28. Juni 2009

Verlag/Label: Allgemeiner Konsumverein
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/03 , Seite 84

In der Chronik der Stadt Braun­schweig ist gegen Ende des 19. Jahrhun­derts die Grün­dung des All­ge­meinen Kon­sumvere­ins verze­ich­net. Seinen Sitz nahm der Vere­in zwis­chen der damals entste­hen­den Verkehrs‑, Banken- und Ver­wal­tungsachse. Mit­ten­drin in diesem Gebi­et das alte Revi­er des ältesten Gewerbes der Welt und am anderen Ende, auf dem Hügel, das 1115 begrün­dete Kloster. 1999 sollte sich im Lager­haus des his­torischen All­ge­meinen Kon­sumvere­ins unter eben diesem Namen der Kun­stvere­in Braun­schweig gründen. 
Dieser Kun­stvere­in, behei­matet in einem an Geschichte und Geschicht­en reichen Vier­tel, wagt sich auch ohne Scheu auf das Feld der audi­tiv­en Kün­ste. Von Beginn an präsen­tierte man im Galerier­aum neue Musik und Klan­gin­stal­la­tio­nen. 2009, nach fast einem Jahrzehnt Erfahrung in diesem Meti­er, bat der Vere­in vom 9. Mai bis zum 28. Juni zum größten bis dahin kuratierten Klang­pro­jekt, zu «klang­staetten / stadtk­laenge – ‹Zwis­chen Puff und Kloster› – Inter­na­tionale Klangkun­st in Braun­schweig». Der All­ge­meine Kon­sumvere­in hat­te sieben Kün­stler gebeten, Orte im Quarti­er zu bespie­len. Die Arbeit­en von Joan­na Dud­ley, Kat­ja Kölle, Sam Auinger und Hannes Strobl, Bern­hard Gál, Edwin van der Hei­de, Georg Klein sowie Andreas Oldörp soll­ten das alte Geschäfts- und Wohn­quarti­er mit all seinen Verän­derun­gen, Blessuren und Schön­heit­en in einen bege­hbaren Kun­straum verwandeln.
Die vor­liegende DVD gibt das nur begren­zt wieder, was wiederum in der Natur der Sache liegt. Die Instal­la­tio­nen sind nachrichtlich abge­filmt wor­den, ergänzt durch ser­iös geführte Inter­views mit den Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern. Immer­hin bleibt es dem Benutzer über­lassen, in welch­er Rei­hen­folge er den sieben­teili­gen Par­cours mit Auge und Ohr durch­wan­dert. Für den Rezip­i­en­ten der DVD gehört die Arbeit Tom’s Song der Aus­tralierin Joan­na Dud­ley zu den am inten­sivsten erfahrbaren Arbeit­en. Dud­ley hat im Gebäude des All­ge­meinen Kon­sumvere­ins eine Holzbox instal­liert, ähn­lich dem Garten­haus das dieser Tom als musikalis­ches Refugium nutzte. Zu hören ist darin der einzige Song, den der 96-Jährige noch erin­nern kon­nte: It’s June in Jan­u­ary. Dud­ley lässt den Song mit allen tech­nis­chen Nebengeräuschen in ein­er End­loss­chleife von einem Plat­ten­spielerorch­ester und einem Drehorgel­orchester, ange­bracht an der Boxen­decke spie­len, und jongliert so mit dem selt­samen Ding namens «Erin­nerung». Die Instal­la­tio­nen, deren Orte für die gesamte Aktion titel­gebend fungierten, also Sprich mit mir von Georg Klein, ange­siedelt am Rande des Rotlichtvier­tels, sowie tam­tam, in der Klosterkirche von Sam Auinger und Hannes Strobl ein­gerichtet, zeigen allerd­ings auch am deut­lich­sten die Gren­zen des Medi­ums DVD. Als Kat­a­log in Sachen Klan­gin­stal­la­tion lässt sich die Pro­duk­tion den­noch recht gut nutzen.

Annette Eckerle