Torp, Martin

Klavierwerke

Reihe «Zeitgenossen Musik der Zeit» 36

Verlag/Label: Hastedt HAT 5336
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/02 , Seite 85

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4
 

Synäs­the­sie, die Eigen­schaft, dass Klangein­drücke zugle­ich Farbe­mpfind­un­gen aus­lösen, ist häu­figer als man zunächst denkt. Unter den schöpferischen Musik­ern ist Olivi­er Mes­si­aen das wohl bekan­nteste Beispiel hier­für. Wenn Mes­si­aen über Har­monien «von grün gestreiftem Blau» in sein­er Musik redete, ließ er allerd­ings nicht synäs­thetisch begabte Hör­er stets ein wenig rat­los zurück. Ganz so weit wie Mes­si­aen geht der 1957 in Flens­burg geborene Mar­tin Torp nicht, wiewohl auch er in sein­er Musik oft Visuelles mit­denkt und ‑empfind­et. Nicht zu vergessen ist dabei, dass Torp lange Jahre gle­ichzeit­ig als Maler aktiv war, bevor er sich in den let­zten Jahren endgültig allein dem Kom­ponieren verschrieb.
Die auf der vor­liegen­den CD von ihm selb­st einge­spiel­ten Klavier­stücke sind denn auch zum größeren Teil von der bilden­den Kun­st inspiri­ert. Zudem begeg­nen sich in ihnen For­men und Tech­niken der abendländis­chen Kul­tur mit Anre­gun­gen aus der asi­atis­chen Musik. Let­zteres äußert sich beson­ders in Torps 2009 ent­standen­er Sonate 2, welche in ihrem Finale indone­sis­che Game­lan-Klänge reflek­tiert, während der Kopf­satz die europäis­che Tra­di­tion ver­tritt und das dazwis­chen ste­hende «Ada­gio» die Brücke zwis­chen bei­den Sphären schlägt.
Der Titel Still-Leben, den Torp einem Zyk­lus von ein- bis zweim­inüti­gen Minia­turen gegeben hat, provoziert die Ver­wech­slung mit dem «Stil-Leben» der Malerei. Kurze Stücke Klavier­satz, oft melodisch floskel­haft und von einem langsamen Puls grundiert, erleben in der Wieder­hol­ung kleine, allmäh­liche Verän­derun­gen und find­en aus ihrem Kreis­lauf her­aus endlich den erlösenden Zielpunkt.
Direkt auf Bild­vor­la­gen zurück gehen dann die von rus­sis­ch­er religiös­er Kun­st angeregten Iko­nen, in denen Torp auf mon­u­men­talere Klang­wirkun­gen set­zt (an Mus­sorgskys «Großes Tor von Kiew» fühlt man sich etwa bei der «Him­melfahrt Jesu» erin­nert), aber auch mit sparsamen Tönen die Askese Johannes des Täufers in der Wüste ein­fängt. Eben­falls Werke der Kun­st hat Torp bei seinen Klee-Blät­tern im Auge, darunter die schon von Gisel­her Klebe in Musik umge­set­zte Zwitscher­mas­chine. Ein wenig bedauert man, dass das Book­let keine Wieder­gaben der entsprechen­den Aquarelle und Bilder bietet.
Aus dem son­sti­gen Rah­men fällt der Zyk­lus Mod­ern Art, bei dem Torp in der Wahl avanciert­er Spiel­tech­niken Par­al­le­len zur Stilis­tik von bilden­den Kün­stlern des 20. Jahrhun­derts herzustellen ver­sucht. So erfährt etwa Jack­son Pol­locks Drip Paint­ing seine Entsprechung im Spiel mit Met­al­lket­ten im Inneren des Flügels, Yves Kleins Mono­chromie wird in Fla­geo­lett-Effek­te über osti­natem Basston umge­set­zt, und Emilio Vedovas wilde Informel-Malerei ver­an­lasst Torp schließlich dazu, den Flügel mit Hand­flächen und Unter­ar­men zu traktieren.

Ger­hard Dietel